Hubert Liebhardt ist Direktor des neu gegründeten Zentrums für Kinderschutz, einer Kooperation der Päpstlichen Universität Gregoriana in München und der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Ulm. Wir befragten den Wissenschaftler zu der neuen Offensive der katholischen Kirche, sexuellen Kindesmissbrauchs vorzubeugen:

Herr Liebhardt, wie kam der Kontakt zur Päpstlichen Universität Gregoriana in München zustande?
Hubert Liebhardt: Das rührt noch von den Aktivitäten des Rundes Tisches in Berlin zur Aufarbeitung der sexuellen Missbrauchsfälle her. Dort waren sowohl die Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) des Uniklinikums Ulm, vertreten durch Professor Fegert (Leiter des KJP, Anm. d. Red.) und mich, als auch Professor Zollner, der Vizepräsident der Päpstlichen Universität Gregoriana, anwesend.

Gab es Konkurrenz von anderen Universitäten?
Liebhardt: In Ulm sind wir im Bereich E-Learning und Kinderschutz sehr weit vorne in Deutschland. Ein vergleichbares wissenschaftliches wie auch praxisnahes Niveau gibt es meines Wissens nach hierzulande nicht, da sind wir einzigartig. Von daher gab es keine Konkurrenz.

Wie läuft die Zusammenarbeit zwischen dem KJP und der Gregoriana ab?
Liebhardt: Die Zusammenarbeit wird vor allem dadurch geprägt, dass die wissenschaftliche Expertise im Bereich Kinderschutz sowie die pädagogische Expertise im Bereich E-Learning, beides aus Ulm, mit der kirchlichen weltweiten Vernetzung der Päpstlichen Universität Gregoriana zusammengeht. Da entsteht ein fruchtbares Miteinander. Die Leitung des Zentrums wurde mir übertragen…

…und Ihre Arbeit am Uniklinikum?
Liebhardt: Ich bin Forschungsgruppenleiter an der KJP und werde das auch weiter fortführen, bloß zeitlich reduzieren. Da ich nun auch mit einer halben Stelle für drei Jahre Leiter des Zentrums in München bin, werde ich auch häufiger dort sein müssen. Meine Ulmer Arbeitsgruppe wird die Expertise im Bereich E-Learning und Kinderschutz durch ein von der Bundesregierung gefördertes Projekt zum Thema „Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch“ in die Arbeit des Zentrums für Jugendschutz einbringen. Die ersten Erfahrungen zeigen, dass wir ein sehr produktives und zielstrebiges Consortium sind. Die Projektvorbereitungen haben gerade mal acht Monate gedauert.

E-Learning wird häufig schlicht als computerbasiertes Lernen definiert, eine Worthülse. Wie sieht so ein Lernprogramm aus?
Liebhardt: Das Lernprogramm ist webbasiert und besteht aus 26 Lerneinheiten. Am Ende einer jeden Lerneinheit gibt es einen Kontrolltest. Hier wird das Gelernte überprüft. Die Module können ganz unterschiedlicher Art sein: Das können Texte sein. Unklare Begriffe eines Textes können zum Beispiel in einer Art digitalem Lexikon nachgeschlagen werden. Das können aber auch Audio- und Videosequenzen sein, ist also multimedial. Informationen werden über verschiedenste Kanäle übermittelt. Das Programm wird zunächst in vier Sprachen entwickelt: Deutsch, Englisch, Spanisch und Italienisch.

Was sind die inhaltlichen Ziele?
Liebhardt: Kirchliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sollen sensibilisiert werden. Der Fokus liegt darauf, eine Kultur des Hinsehens zu entwickeln und Schutzmaßnahmen und -konzepte im kirchlichen Handlungsfeld zu etablieren. Das Personal soll qualifiziert werden, sexuellen Missbrauch frühzeitig zu erkennen, also Risiken auszumachen. Es wird aber auch darum gehen, den Dialog mit Opfern und deren Angehörigen zu stärken. Dazu wird es exemplarische Videos von Gesprächen mit Kindern und Jugendlichen geben. Rechtliche Grundlagen und Selbstreflexion gehören aber ebenso dazu. Es ist sehr vielschichtig.

Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt. Was werden die nächsten Aufgaben sein?
Liebhardt: Im September werden wir ein Basis-Produkt präsentieren können. Parallel werden die weiteren Tools entwickelt, beziehungsweise optimiert. Darüber hinaus werden wir sechs Entwicklungs- und Schwellenländer – Argentinien und Ecuador, Indonesien und Indien sowie Ghana und Nigeria – bereisen. Dort wird es eine große Herausforderung sein, den anderen Traditionen und Kulturen respektvoll und mit Achtung zu begegnen.