Wiblingen Dieter Thomas Kuhn open air im Klosterhof

Wiblingen / CLAUDIA REICHERTER 07.08.2012
Der Barde aus Tübingen, die singende Föhnwelle, der bekennende Oberrecycler der Schlagerindustrie war in Wiblingen. Trotz Stimmbandproblemen machte Dieter Thomas Kuhn dort gut zwei Stunden Party.

Es bleibt dabei: Dieter Thomas Kuhn ist ein Phänomen, und zwar eins, das weltweit seinesgleichen sucht. Der deutsche Schlager ist nunmal eine recht deutsche Angelegenheit, und dieser Mann setzt konsequent auf eingedeutschte Fassungen von Pophits aus der Zeit zwischen Nachkriegsära, Wirtschaftswunder und Disco-Welle. So lernen Gäste aus aller Welt bei seinen Auftritten wie beim Karneval die Deutschen von einer ungewohnten, ausgelassen-albernen Seite kennen - und feiern meist begeistert mit.

Auch am Sonntagabend im Wiblinger Klosterhof bestand das Publikum aus einer raren Mischung von Urschwaben, Exil-Spaniern und türkischstämmigen Deutschen. Bunt gemischt, wie es so schön heißt. Aber richtig bunt. Denn die Fans stylen sich für "DTK"-Shows im überzogenen Retro-Look und kleiden sich in alles, was die 60er- und 70er-Jahre-Mode einst diktierte: Schlaghosen, Spitzkragen, Blumenmini, Rüschentop, Federboa - bevorzugt aus elektrisierendem Polyester, in grellbunten Farben, und garniert mit mindestens einer Sonnenblume im Haar. Die zweite, die in der Hand, wurde um Punkt 20.01 Uhr von etwa der Hälfte der rund 3000 Anwesenden kollektiv in die Luft gereckt und geschwenkt. Denn da ertönte von der Bühne herab zum Auftakt das programmatische "Musik ist Trumpf", zu dem die Band, die hier schön altmodisch Kapelle heißt, einlief.

Bald erreichte der Grusel einen ersten Höhepunkt: Kuhn hat für seine aktuelle "Hier-ist-das-Leben"-Tour einen mit rosa- und pinkfarbenen Pailletten besetzten Zweiteiler ausgewählt und seine mireillemathieuartige, wenn auch güldene Frisur konsequent auch den sechs Mitmusikern übergestülpt. Im Falle von "Howie" - in weinrotem Schlaghosen-Overall an der Gitarre - samt ausgeprägter Koteletten. Brr.

Mit "Quando", "Schalala", "Schön ist es, auf der Welt zu sein" und "Griechischer Wein" ging es dann Schlag auf Schlag, Schlager auf Schlager. "Über den Wolken", "Es war Sommer", aber auch Paolas "Der Teufel und der junge Mann" und Manuelas Interpretation des Bee-Gees-Hits "Night Fever" von Kuhns neuer Platte. Zweiter Gruselhöhepunkt.

Auch im 18. Jahr nach der Erstinkarnation als "singende Föhnwelle" machte der Tübinger auf der zur Showtreppe umfunktionierten Open-Air-Bühne mit aufgepeppten Coverversionen Party um jeden Preis. Der gute Geschmack blieb dabei schon immer auf der Strecke - aber nach Wiblingen dürfte sich die Stimme des 47-Jährigen dazugesellen. Denn "der Barde" zog sein mehr als zweistündiges Programm trotz Bronchialkatarrhs und Stimmbandentzündung gnadenlos durch.

Die angeschlagene Stimme tat der Show keinen Abbruch - manch Schnulze klingt mit sich überschlagender Reibeisenstimme nur noch anrührender -, aber sein zur Band gehörender Leibarzt habe ihm abgeraten zu singen, bekannte Dieter Thomas Kuhn, der auf dieser Tour noch zehn Termine vor sich hat. Doch "das kann ich mir nicht antun! Ich könnt ja was verpassen!", rief er gutgelaunt ins Publikum. Die tangaschwenkende Brünette etwa, die ein junger Security-Mann ungläubig musterte. Oder das "Ich will ein Kind von dir"-Plakat einer jungen Frau im Petticoat. "Gut, dass Du mir das sagst", konterte er. "Du hättest mir eigentlich gut gefallen."

In Momenten wie diesen zeigte Kuhn, dass er seine Entertainer-Qualitäten seit den Anfängen als Dieter Thomas verfeinert hat. Aber ein Phänomen ist er immer noch.

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