Familie Das (gesprochen Dasch) ist in Aufruhr. Nicht genug, dass Familienoberhaupt Memet (Atilla Cansever) im Fernsehen zufällig ein Interview mit Thilo Sarrazin hört. Seine Frau Fikriye (Hatice Onar) kommt mindestens ebenso empört von der Arbeit, weil ihr Chef verlangt: "Werdet wie die Deutschen, oder ihr seid gefeuert." Und dann kommen Sohn Remzi (Ceyhun Polat) und Tochter Remziye (Yasemin Agbulak) direkt von der Polizeiwache, weil sich Remzi mit zwei Deutschen geprügelt hat - sie hatten sich über den Geruch seiner Lahmacun beschwert und empfohlen, lieber Brezeln zu essen.

Das aktuelle Stück des Theaters Ulüm, "Ein Migrationsmärchen", verfasst wieder vom türkischen Schriftsteller und Journalisten Aydin Engin, macht klar: Hier kommt die Antwort auf Sarrazin! Nach dem vorangegangenen Stück, das vor allem von kulturellen Unterschieden und Generationskonflikten handelte, schwenkt die Truppe zurück auf den politischen Kurs. Familie Das ruft zu einer Pressekonferenz, in der Memet und Fikriye den Argumenten Sarrazins Kontra geben.

Das Publikum im voll besetzten Theater quittiert es mit heftigem Applaus. Am lautesten, als es um das "Kopftuchproblem" geht. Die resolute und wortgewandte Fikriye löst es, indem sie ihres abnimmt und fragt: "Bin ich jetzt etwa eine andere, als die Fikriye aus dem anatolischen Sivas?" Ein raffinierter Schachzug, denn die Geste lässt sich genausogut andersherum deuten und sollte auch der Seite zu denken geben, die das Tuch für unverzichtbar hält. Das Publikum - mit und ohne Kopftuch - ist begeistert.

Gerade im ersten Teil des Stückes ist das Theater Ulüm ernster als gewohnt. Raum für unbeschwerte Lacher gibt es dennoch, etwa als Fikriye ihre Antwort auf die Mahnung ihres Chefs wiedergibt: Auf Schwäbisch - das Stück ist wie immer im Theater Ulüm zweisprachig - ist sie keinen Deut langsamer als auf Türkisch, und niederreden kann sie offenbar nicht nur ihren Ehemann. Und da beim Theater Ulüm stets an beide Seiten ausgeteilt wird, kriegt auch der ohne seine Frau in Haushaltsdingen völlig hilflose Memet sein Fett weg. Versöhnlicher wird das Stück nach der Pause. Von einem Journalisten um ihre Sicht auf die Einwanderung gebeten, spielt und singt Familie Das die wichtigsten Punkte der vergangenen 50 Jahre kurzerhand nach. Am Ende gibt Memet den Plan auf, in die Türkei zurückzukehren, und kauft ein Häuschen am Ulmer Eselsberg. Die Kinder sind begeistert und Memet blickt in die Zukunft: "Nach Ivo Gönner werde ich Bürgermeister!"