Die Blicke bohren sich geradezu in den Betrachter. Es sind Blicke von Frauen, die wissen, dass ihnen in ihrer Gesellschaft Leid drohen kann. Von Frauen, die sich gegen jeden Widerstand ihren Platz im Leben erkämpft haben. Von Frauen, die wissen, wer sie sind.

Nüchtern, streng, reserviert oder auch anklagend kann man die Blicke der Porträtierten auf Zanele Muholis Fotos finden - gewiss sind sie stets von großer Intensität und großem Ernst geprägt. "Soll man etwa lächeln oder ,cheese sagen, wenn man als schwarze lesbische Frau in Südafrika lebt?", fragt die 42-Jährige. Bitter ist die Lage lesbischer Frauen in Südafrika, für die sich die Künstlerin ebenso wie für die Rechte von Schwulen und Transsexuellen einsetzt.

Zanele Muholi hat schreckliche Geschichten zu erzählen, nicht nur von Intoleranz, Isolation und seelischem Schmerz, sondern von Demütigungen und Gewalt bis hin zum Mord. Homosexuelle werden in Südafrika regelmäßig Opfer von "hate crimes", Verbrechen aus Hass. Nicht selten werden lesbische Frauen als Akt vorgeblicher sexueller "Umerziehung" vergewaltigt.

Muholis Fotografie ist daher "nie nur Kunst", sie selbst versteht sich weniger als Künstlerin denn als soziale Aktivistin. Als Fachfrau für Gender Studies und Fragen sexueller Identität wird sie international geschätzt. Sie hat kürzlich einen Vortrag in Yale gehalten, gerade in Amsterdam einen Preis bekommen und ist nun direkt vom Afrika Film Festival aus Köln nach Ulm gefahren. In der vh zeigt sie Werke ihres Projekts "Faces and Phases": Farbfotos von Transsexuellen und Schwarz-Weiß-Aufnahmen lesbischer Frauen.

Kunstsammler und Mäzen Artur Walther kennt Zanele Muholi seit 2003; damals beendete sie gerade ihre Ausbildung beim Market Photo Workshop in Johannesburg und ging nach Toronto, um zu studieren. Walther hat ihre Arbeiten schon mehrfach ausgestellt, und nun hat er mit Muholi und dem Steidl Verlag den Band "Faces and Phases 2006-2014" herausgegeben. Er enthält mehr als 250 Porträts, dazu haben 40 der Porträtierten Texte geschrieben; eine Chronik informiert über die rechtliche Situation und Verfolgung von Homo- und Transsexuellen in Afrika. Walther darf stolz sein auf das "wahnsinnig bewegende" Dokument.

Auch wenn "2006-2014" nach einem abgeschlossenen Vorhaben klingt, ist es für Muholi doch ein "Lebensprojekt". Sie hofft, dass es eines Tages zu einem visuellen Dokument des Wandels in Südafrika wird. Sie engagiert sich vielfältig, netzwerkt, unterstützt Bildungseinrichtungen. Bildung sei enorm wichtig, "die muss aber schon in den Familien beginnen", sagt sie und berichtet von Eltern, die ihre homosexuellen Kinder verstoßen.

Einen hehren Begriff wie Toleranz will sie gar nicht bemühen: "Es geht einfach darum zu respektieren, wer ich bin, wer wir sind." Ihre Fotos zeigen, wer sie sind: Es geht einfach um Menschen.

Heute Eröffnung

Ausstellung Zanele Muholis Fotos sind bis 25. Oktober in der vh (2. OG) zu sehen. Eröffnet wird die Schau heute, Donnerstag, 18 Uhr. Dazu findet ein von vh-Leiterin Dagmar Engels und Kuratorin Anna Strauss moderiertes Gespräch mit der Fotografin statt.

Buch und Film Der Sammler Artur Walther hat mit dem Steidl Verlag ein Buch zu Zanele Muholis Foto-Projekt "Faces and Phases 2006-2014" (48 Euro) herausgebracht; es wird morgen in der vh vorgestellt. Im Anschluss daran wird um 20 Uhr der Film "Difficult Love" gezeigt, den Zanele Muholi 2010 mit dem Regisseur Peter Goldsmid gedreht hat. Ausgehend von ihren eigenen Erfahrungen erzählt sie darin vom Kampf lesbischer Frauen, im heutigen Südafrika das Leben ihrer Wahl führen zu können.