Ulm Die Stunde hat nen Schlag

Das ist die eigentliche "Schlagglocke" am Münster. Ihr Konterpart schweigt derzeit. Foto: Matthias Kessler
Das ist die eigentliche "Schlagglocke" am Münster. Ihr Konterpart schweigt derzeit. Foto: Matthias Kessler
JAKOB RESCH 12.04.2014
Irgend etwas stimmt in dieser Stadt nicht. Es muss was mit dem Ulmer Münster zu tun haben. Und in der Tat: Das tickt nicht mehr richtig.

Auch schon gemerkt? Die Münsterglocken nehmen es mit dem Stundenschlag nicht mehr so genau. Da müssen die Alarmglocken schrillen. Schließlich gibt das Geläut in der Innenstadt und darüber hinaus immer noch vielen Orientierung, in stiller Nacht etwas mehr als am Tag. Normalerweise zeigen vier Schläge die volle Stunde an. Dann gibt es von einer weiteren Glocke die Zahl der jeweiligen Stunde (also 1 bis 12 Schläge). Diese Schlagzahl wiederum wird von einer tiefen Schlagglocke wiederholt.

Genau diese letzte Versicherung fehlt nun aber. Stimmt! Sagt Dekan Ernst-Wilhelm Gohl, der in dieser Sache auf Nachfrage schlagartig beim Münstermesner Gert Kappler angeläutet hat. "Am Hammer für den zweiten Stundenschlag ist eine Feder gesprungen." So hat er sich beim Schlag auf die Glocke verbogen. Der Glockensachverständige der Landeskirche wurde eingeschaltet und hat sich das Malheur angeguckt. Das Gerät ist in Reparatur.

So weit so gut, und damit etwas Zeit für den Mesner, der aufklären kann, was einem da eigentlich so schlägt. Pro Stunde wiederholt sich ein nach und nach vertrauter Dreiklang aus den Glockentönen Des und G und B. Zum Beispiel 17 Uhr, also "Fümpfe" schwäbischer Zeit:

Des-Des-Des-Des. Pause.

G-G-G-G-G. Pause.

B-B-B-B-B. Fertig. 17.01 Uhr.

Jetzt noch mal der Glocke nach:

Des-Des-Des-Des.

Das ist die Leichenglocke von 1678, früher Betstundglocke genannt; sie läutet auch, wenn ein Mitglied der Münstergemeinde beerdigt wird.

G-G-G-G-G.

Das ist die Schlagglocke von 1414, damals "or glock" getauft, also Stundenglocke; sie gehört nicht zum großen Münstergeläut, sondern hängt weit höher draußen am Turm.

B-B-B-B-B.

Das ist die "Dominica" von 1931; sie läutet täglich auch zum Mittagsgebet um Zwölf, muss zur Zeit beim Stundenschlag aber eben passen.

Gohl sagt: "In plus/minus drei Wochen läutet es wieder normal." Dann kann man mit der tiefen Glocke sicher gehen, hat man sich bei der hohen mal verzählt: Fümpfe. Zum Beispiel. Überhaupt hat man jetzt die Bestätigung, wie rasch der Ulmer aus dem Takt kommt, wenn das Münster mal nicht funktioniert.