Linie 2 Die Straßenbahner-Dynastie

Ulm / Rudi Kübler 01.12.2018

Wenn Gerhard Späth mit der Straßenbahn fährt, dann kommt das jedes Mal einer Kontrollfahrt gleich. Wo kläppert’s? Wo ruckelt’s? Und: Warum fährt jetzt der 43er und nicht der 47er? Dann ruft der 79-Jährige bei seinem Sohn an und schüttet sein ganzes Straßenbahner-Herz aus – das Herz eines ehemaligen Straßenbahners. Aber, was heißt: ehemalig. Einmal Straßenbahner, immer Straßenbahner. Ein Beispiel: Als er noch Werkstattleiter bei den Stadtwerken Ulm/Neu-Ulm (SWU) war – und das war er 30 Jahre lang –, brauchte er keine Rufbereitschaft. Rufbereitschaft ist was für Anfänger. Sein Bauchgefühl sagte ihm, wann ein Wagen entgleist war. Dann stand Gerhard Späth am Sonntagnachmittag plötzlich vom Kaffee auf, weil er dieses Grummeln im Bauch verspürte, und fuhr zum Bahnhof. Und in der Tat: Dort war eine Tram aus den Schienen gesprungen ...

Wenn sich Gerhard Späths Bauch heute meldet, dann ruft er, wie gesagt, seinen Sohn an. Jürgen Späth kennt seinen Vater seit nunmehr 48 Jahren – und deshalb weiß er natürlich auch seinen Vater zu nehmen, wie er ist. Von Straßenbahner zu Straßenbahner. Denn Jürgen Späth ist quasi als solcher auf die Welt gekommen. „Nein, es war nicht so, dass der Vater Druck gemacht hätte, dass ich zur Straßenbahn gehe. Als Kind hat mich die Straßenbahn schon immer interessiert“, sagt der 48-Jährige. Dann müssen es also doch die bislang wenig erforschten Tram-Gene sein, die der „Mr. Straßenbahn“ direkt weitergegeben hat.

Jürgen Späth hat wie sein Vater die Straßenbahn von der Pike auf gelernt. Zunächst machte er eine Maschinenschlosserlehre, dann den Meister, den doppelten: Maschinenbau und Elektro. Und dann setzte er ein Studium noch oben drauf. Seit 2015 ist der 48-Jährige für den Bereich Schienenfahrzeuge verantwortlich und Projektleiter für Fahrzeugbeschaffung. Sprich: Er ist der Mann hinter dem Avenio, von dem die SWU zwölf Exemplare gekauft hat. Sein Vater hatte noch beim Vorgängermodell Combino die Fäden in der Hand gehabt. Die alten Modelle lässt Gerhard Späth heute noch fahren – auf Knopfdruck und im Maßstab 1:36. Im Keller bastelt er auf zwölf Quadratmetern an seiner Straßenbahn. Oberleitung und Wagen, alles selber gemacht, „eine Sauarbeit war das“.

Zurück zum Sohnemann. Jürgen Späth liegt, wenn man so will, in den letzten Zuckungen – was den Avenio angeht. „Sehr viele Details sind noch zu klären, hier die Signaltafeln für die Fahrer, dort die Innenansage, die zu laut war. Themen über Themen müssen derzeit noch abgearbeitet werden, bevor es am Samstag,
8. Dezember, auf Jungfernfahrt geht. Der 48-Jährige sitzt übrigens in der Fahrerkabine, wenn die Ehrengäste nach dem Festakt in den Avenio steigen.

Senior weiß vieles besser

Gerhard Späth hört interessiert zu, als sein Sohn von Dauerschwingtests erzählt. Von Crash-Versuchen. Und von Zulassungsunterlagen, die er durchackern musste. 25 000 Seiten. Vom Umfang her eine Karl-­May-Gesamtausgabe, „aber noch trockener“, so Jürgen Späth. Der Senior nickt, gibt seine Kommentare ab. Er weiß ja alles, vieles natürlich auch besser. Obwohl er jetzt schon seit 15 Jahren aus dem Geschäft ist, kribbelt’s ihn schon noch gewaltig in den Fingern. Bei einer der ersten Probefahrten war der 79-Jährige mit dabei – weil eine Straßenbahn nur eine Straßenbahn ist, wenn „dr Späth“ seinen Segen dazu gegeben hat.

Gerhard Späth hat den Niedergang der Tram erlebt, peu à peu wurden Linien gekürzt oder gar eingestellt. Bis nur noch die Linie 1 übrig blieb. „Ulm war ja Omnibus-Stadt.“ Jetzt ist Ulm Straßenbahn-Stadt. Mit einer Straßenbahner-Dynastie, die sonst wohl nirgends zu finden ist. Denn nicht nur Jürgen Späth ist in die Fußstapfen des Vaters getreten, sondern auch noch Steffen Späth (37). Er ist Stellvertreter seines elf Jahre älteren Bruders. Nicht von ungefähr hat der ehemalige OB Hans Lorenser von den SWU als den „Späth-Werken Ulm“ gesprochen. Nur einer der drei Späth’schen Söhne ist aus der Art geschlagen: Ulrich Späth (42) arbeitet bei einer Bank.

Zum Festakt zur neuen Linie 2 ist Mr. Straßenbahn natürlich auch eingeladen. Gerhard Späth geht auch hin, „des isch doch klar. Aber i fahr net.“

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