Ulm Die Seele baumeln lassen

Momente der Sorglosigkeit, wie auf dem Kettenkarussell, locken die Menschen auf Volksfeste.
Momente der Sorglosigkeit, wie auf dem Kettenkarussell, locken die Menschen auf Volksfeste. © Foto: Tommy Loesch / München Tourismus
Ulm / LOTHAR TOLKS 17.09.2016
270 Millionen Menschen zieht es in Deutschland jedes Jahr auf Volksfeste und Jahrmärkte - von Großevents wie dem Münchner Oktoberfest bis zu Dorfkirmes und Schützenfesten. "Volksfeste haben nichts von ihrer Attraktivität verloren", sagt der Freiburger Soziologe Sacha Szabo.

270 Millionen Menschen zieht es in Deutschland jedes Jahr auf Volksfeste und Jahrmärkte, von Großevents wie dem Münchner Oktoberfest bis zur Dorfkirmes und Schützenfesten. „Volksfeste haben nichts von ihrer Attraktivität verloren“, sagt der Freiburger Soziologe Sacha Szabo. Seit jeher hätten solche Feste vor allem zwei Funktionen: Der Einzelne erfreut sich an einer Auszeit vom Alltag, genießt einen kurzen Moment der Sorglosigkeit, und die Gemeinschaft versichert sich ihrer Identität. Heute wie vor 100 oder noch mehr Jahren.

Ihren Ursprung haben die heutigen Volksfeste oft in kirchlichen, spirituellen Festen. „Das Rauscherlebnis hat sich vom Gottesdienst auf den Kirchvorplatz verlagert“, erzählt Szabo. Das Oktoberfest oder der Cannstatter Wasen entstanden im 19. Jahrhundert, als Monarchen auf die Idee kamen, mit solchen Anlässen das Volk an sich zu binden.

Vor allem kleine Volksfeste gibt es immer weniger.  Der Deutsche Schaustellerbund spricht von rund 1200 kleineren und mittleren Festen, die innerhalb der vergangenen zwölf Jahre verschwunden sind. Dabei haben sie laut Szabo eine Funktion, die über die Jahrhunderte erhalten geblieben ist: die des Heiratsmarktes. Wer nicht weiß, wann der Moment für die erste Berührung gekommen ist, habe hier eine wunderbare Lösung: Die Fliehkräfte beim Karussellfahren drücken einen aneinander. „Wenn es nicht gefunkt hat, kann ich immer noch sagen: tut mir leid, das war das Karussell“, sagt Szabo. Diese Facette sei bei ganz vielen Fahrgeschäften erhalten geblieben.

Hauptstütze bleibt aber die Tradition, ganz nach dem Motto: „Ich war schon mit Opa dort.“ Der Wurstbudenbesitzer René Bauer klagt zwar über steigende Kosten und die immer anstrengendere Arbeit als Schausteller. „Aber die Atmosphäre hat sich nicht verändert“, sagt er. „Jeder kann einfach mal einen Tag die Seele baumeln lassen.“

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