Ulm Die Schauspielerin Ulla Willick in ihrer 20. Spielzeit am Theater Ulm

Gut 100 Rollen dürfte Schauspielerin Ulla Willick am Theater Ulm gespielt haben.
Gut 100 Rollen dürfte Schauspielerin Ulla Willick am Theater Ulm gespielt haben. © Foto: Privatfoto
Ulm / MAGDI ABOUL-KHEIR 27.11.2013
19 Jahre war Ulla Willick Ensemblemitglied am Theater Ulm. Sie steht dort weiterhin auf der Bühne, allerdings als Gast. Ruhiger lässt sie es aber kaum angehen, zudem genießt sie den neuen Freiraum.

Energisch schwingt sie den Staubwedel und spitzzüngige Reden, zielsicher setzt sie Schritte und Pointen. Wer Ulla Willick derzeit als Dorine in "Tartuffe" am Theater Ulm erlebt, sieht sofort, was Energie und Erfahrung zusammen bewirken. Dabei habe sie Molières Komödien früher nie gemocht, erzählt sie, gerade die Dienstmädchenrollen waren ihr zu "neckisch". Aber: "Jetzt, wo ich älter bin, kann ich solche Figuren mehr an mich heranziehen."

Das Alter - genau darüber spricht man mit Schauspielerinnen eigentlich nicht. Doch Ulla Willick macht keinen Hehl daraus, dass sie schon ein paar Jahre mehr auf der Bühne steht. Eigentlich ist sie schon seit Ansgar Haags Zeiten als Ulmer Intendant pensioniert, war aber weiterhin fest im Ensemble. Erst seit dieser Spielzeit, ihrer 20. in Ulm, wird sie nur noch als Gast geführt.

Ihren Theatern war Ulla Willick immer treu, nach den Anfängen mit wechselnden Stückverträgen und Tourneen war sie an drei Häusern engagiert: von 1971 bis 1985 am Staatstheater Nürnberg, von 1985 bis 1991 an den Vereinigten Städtischen Bühnen Krefeld/Mönchengladbach, dann nochmals drei Jahre in Nürnberg, seit 1994 ist sie in Ulm. Bei Feierlichkeiten in Nürnberg wurde sie zu einer der zehn besten Schauspielerinnen der letzten 50 Jahre am dortigen Theater gewählt. Ulla Willick rollt mit den Augen und lacht: "Der letzten 50 Jahre! Wie sich das anhört!"

Gewiss mehr als 200 Rollen hat sie in ihrem Berufsleben gespielt. Viele hat sie rasch wieder abgelegt, "aber einige scheinen wie Blitzlichter immer wieder auf. Rollen, die man ins Herz geschlossen hat." Etwa die krebskranke und tablettensüchtige Klan-Mutter im Drama "Eine Familie" 2007 im Podium. Oder Claire Zachanassian in "Der Besuch der alten Dame" anno 2001.

Es gebe eben "Stücke, deren Textbuch nach der letzten Vorstellung in den Papierkorb wandern. Und welche, die man aufhebt", sagt Ulla Willick. Gleich zweimal gab sie schon die furiose Martha in der Eheschlacht "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?", ohnehin hat sie bereits einige Rollen mehrfach verkörpert, auch die Dorine in "Tartuffe". Solche Déjà-Vus "werden jetzt immer häufiger", scherzt sie. Aber der aktuelle "Tartuffe" mache Spaß, "weil die Zuschauer toll reagieren".

Auf Ulla Willick reagieren die Ulmer ohnehin positiv. In den letzten Jahren wurde sie unter anderem als Alice in Strindbergs "Totentanz" oder als Bernarda Alba in Lorcas Drama gefeiert. Aber auch kleine Rollen wie den Totengräber in "Hamlet" gestaltete sie erinnerungswürdig. Selbst in einer Inszenierung wie "Bunbury", in der es sonst wenig zu lachen gab, sorgte sie als Lady Bracknell für Heiterkeit.

Besteht für nie die Gefahr unkreativer Routine? Ulla Willick verneint das entschieden: "Man fängt immer wieder bei Punkt Null an. Und es ist immer wieder ein Kampf und mit Arbeit verbunden." Lernt sie mit all ihrer Erfahrung wenigstens ihre Texte schneller? "Nein, im Gegenteil", seufzt sie. "Früher fiel mir das leicht, heute muss ich richtig büffeln wie sonst was. Tag und Nacht in Quarantäne und lernen." Auch wenn man es ein Berufsleben lang gut trainiert habe, lasse das Gedächtnis nach. Immerhin: "Wenn"s drin ist, bleibt"s auch drin." Und sie ist natürlich froh, so fit zu sein.

In ihrer Nürnberger Zeit war sie einst glücklich, "als ich endlich aus den Jungmädchenrollen raus war. Weg mit den blonden Haaren!" Da fingen die interessanten Rollen an, fand Ulla Willick. Freilich gibt es derer im Repertoire zu wenige. "Aber ich hatte Glück, dass Regisseure immer wieder Rollen für mich umfunktioniert haben." Sie verkörperte Shakespeare-Narren, auch Robespierre in "Dantons Tod". Als Frau Männerrollen zu spielen, "das funktioniert manchmal, und manchmal ists bescheuert." An einen Oberon im "Sommernachtstraum" erinnert sie sich mit Grausen, aber sie war ja immerhin auch schon Titania.

Eindrücklich war für sie die Doppelrolle in "Rommel" (2011): Sie spielte Hitler und den Geist einer ermordeten Jüdin. "Ein Horrortrip, zwischen den beiden Extremen immer wieder zu wechseln. Der Hitler, eine Art Persiflage, ging ja noch, aber dann diese heftigen Texte der jüdischen Frau, das hat mich Mühe gekostet. Ich hatte jeden Abend Bammel." Und doch, im Rückblick, "war es eine tolle Erfahrung".

Zurückblicken aber ist ihre Sache nicht. "Mein 50-Jahre-Bühnenjubiläum hatte ich bestimmt schon, aber ich zähle nicht." Manchmal rede sie mit Kollegen über Rollen, dann fiele ihr plötzlich ein: "Ach, das hab ich auch schon gespielt!"

Ulla Willick schaut lieber nach vorn. Mitte Dezember, kurz nach der letzten "Tartuffe"-Vorstellung, beginnen die Proben zu "Wie im Himmel" - am Stadttheater Ingolstadt. Dort gastiert sie dann bis Mai. Vielleicht hat sie nun auch mehr Zeit, in ihre Heimatstadt Köln zu fahren, wo sie Verwandte hat. Verheiratet war sie einmal, mit dem Filmstar Dieter Borsche, von 1970 bis zu dessen Tod 1982. "Einmal verheiratet, das reicht auch, aber man muss alles mal ausprobiert haben."

Natürlich wird Ulla Willick auch wieder am Theater Ulm auf der Bühne zu sehen sein: in einer Komödie im Herbst 2014. Es wird dann ihre 21. Ulmer Spielzeit. Intendant Andreas von Studnitz drückt seine Wertschätzung für sie auf seine Weise aus: "Kein Grabstein, und sei er noch so schwer, wird verhindern, dass Ulla Willick einem Einruf auf die Bühne folgt."

Um den Beruf so lange ausüben zu können, dafür sei Leidenschaft nötig, sagt Ulla Willick. Aber auch Härte, "um wegstecken und sich behaupten zu können". Sie hat diese Kraft. Und die nie vergehende Lust am Theaterspielen: "Ich kann nicht davon lassen."

Noch zwei Vorstellungen
Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel