Ulm / Chirin Kolb  Uhr
Die Baustellen bedeuten für Autofahrer, Radler und Fußgänger: Umleitungen. Wie sie verlaufen, ist Ergebnis langwieriger Planung.

Die vielen Baustellen und Umleitungen machen Autofahrern, Fußgängern und Radlern in Ulm zu schaffen. Auch wenn es ihnen auf den ersten Blick manchmal nicht so scheinen mag: Alles ist das Ergebnis langwieriger, detaillierter Planung. Bei einer so großen Baustelle wie dem Straßenbahnausbau greifen viele Abläufe ineinander, gibt es unzählige Anforderungen und Schwierigkeiten, arbeiten mehrere Firmen Hand in Hand.

Welche Verkehrsführungen während der Bauzeit der Linie 2 nötig werden, haben alle Beteiligten – Verkehrsplaner, Baufirmen, SWU-Verantwortliche – schon Jahre vor dem Baustart besprochen. Schon im September 2013 wurden die ersten Bauphasenpläne entworfen: für jeden Streckenast, für jede größere Kreuzung. Sie sind die neuralgischen Punkte, „der Verkehr muss weiter fließen“, sagt Torsten Fisch, Projektleiter für den Straßenbahnausbau bei der Stadt Ulm. Oft ging es um die Frage: Wie erhält man die Leistungsfähigkeit? Berechnungen und Simulationen flossen in die Pläne ein. „Das hilft uns sehr“, sagt Fisch. „Aber es ist doch nur Theorie.“

Besonders heikel war zum Beispiel die Kreuzung Neutorstraße/Karlstraße. Oberste Prämisse ist: Es darf keinen Rückstau auf den Blaubeurer Ring geben. Auch nicht in der „höchsten Belastungsstufe“ im Nachmittags- und Feierabendverkehr. Mit dem Ergebnis ist Fisch zufrieden: „Es ist gelungen. Zu 99 Prozent.“ Dass mal ein Unfall passiert und der Stau länger wird, liege nicht in der Verantwortung der Planer.

Um den Verkehr so gut es geht vor dem Kollaps zu bewahren, können die Planer an vielen Stellschrauben drehen. Verkehrsführung, Fahrspuren, Ampelphasen, Ausschilderung, Überwege – und das alles für den Autoverkehr, für Radler und Fußgänger. Ein Beispiel: Wie lange braucht ein Fußgänger zum Überqueren der Fahrbahn, wie lange muss er also Grün haben? Nicht einmal da gibt es eine einfache, allgemeingültige Antwort, denn im einen Fall ist der Überweg drei Meter lang, im anderen zehn.

Besonders schwierig ist immer der Tag eins nach einer Umstellung. „Wenn sich wieder etwas geändert hat, dauert es ein, zwei Tage, bis sich jeder orientiert hat“, sagt der städtische Verkehrsplaner. So wie am Beginn der Sommerferien, als die neue Verkehrsführung vor dem Theater eingerichtet und die Neutorstraße stadtauswärts gesperrt wurde und in der Innenstadt das Chaos ausbrach. „An dem Tag kam vieles zusammen“, sagt Fisch, auch Unfälle. Trotzdem wurden anschließend Ampelphasen verändert, um für besseren Durchfluss zu sorgen.

Ohnehin muss die Planung vor jeder Änderung auf der Baustelle nochmal angepasst werden. Zum „Feintuning“, wie Fisch es nennt, treffen sich Fachleute aller beteiligten Firmen und Behörden alle zwei Wochen. Drei Stunden lang wird dann jedes Detail der nächsten Bauphase durchgesprochen. Die Verkehrsführung ist allerdings nur ein Aspekt der Planungen. Auch die Anforderungen der Baufirmen müssen berücksichtigt, Leitungen verlegt werden. „Es passieren immer unvorhergesehene Dinge“, sagt Johann Karmann von der Firma Sweco, der Oberbauleiter für den Streckenast zur Wissenschaftsstadt. Zum Unvorhersehbaren zählen zum Beispiel Lieferverzögerungen, die dann wiederum zu Verzögerungen in den Bauabläufen führen.

Es wird auch nachjustiert

Das Ergebnis der zweiwöchentlichen Besprechungen geht Projektleiter Fisch anschließend mit den Öffentlichkeitsarbeitern der Stadt durch. Pressemitteilungen werden vorbereitet, vielleicht auch Postkarten mit Infos für Anwohner. Wenn alles besprochen, bedacht und durchdiskutiert ist, wenn die Umleitungen eingerichtet und ausgeschildert sind, dann passt es meistens, sagt Fisch. Und wenn nicht, wird nachjustiert.

Kein auffälliger Anstieg der Unfallzahlen

Polizei Gibt es wegen der Baustellen und vielen Umleitungen mehr Verkehrsunfälle im Stadtgebiet? Nach Auskunft der Polizei sind die Unfallzahlen mit Sachschaden oder auch mit Verletzten die letzten fünf Jahre nahezu unverändert geblieben. Eine Zunahme durch die sich ständig ändernde Verkehrsführung ist jedenfalls nicht festzustellen, teilt das Polizeipräsidium mit. Keine statistische Auswertung gibt es bei den Kleinst- und Bagatellunfällen. Jedoch gehen die Behörden auch in diesen Fällen nicht von einem Anstieg aus. hum