Oper „Das schlaue Füchslein“ am Theater Ulm

Glänzend: Heldenbariton Dae-Hee Shin als Förster (mit dem jungen Füchslein Lara Bekfi).
Glänzend: Heldenbariton Dae-Hee Shin als Förster (mit dem jungen Füchslein Lara Bekfi). © Foto: Kerstin Schomburg
Ulm / Jürgen Kanold 29.09.2018
Der Wald und das Theater haben Platz für alle: Kay Metzger inszeniert „Das schlaue Füchslein“ in Ulm als bilderreiches Märchen für die ganze Familie.

Es sind künstlerische Statements: Mit welcher Oper beginnt ein neuer Ulmer Intendant? Mit der „Carmen“ zum Beispiel, dem garantierten Publikumshit – so war es 1985 bei Pavel Fieber. Oder mit einem repräsentativen Großwerk – wie Ansgar Haag 1994 mit dem „Rosenkavalier“. Bernd Wilms setzte 1991 ein Ausrufezeichen mit einem anspruchsvollen Bekenntnis zur Moderne: mit György Ligetis „Le Grand Macabre“. Andreas von Studnitz und Matthias Kaiser lenkten 2006 den Blick auf den geschundenen Menschen des 20. Jahrhunderts und brachten den „Wozzeck“ auf die Bühne. Wo reiht sich Kay Metzger ein? Überraschend auf einem unspektakulären, gleichwohl zauberischen Nebenweg des Repertoires: Er inszenierte „Das schlaue Füchslein“ von Leos Janácek.

Diese Wahl ist eine Umarmung des Publikums: eine Oper für die ganze Familie und mit der ganzen Theaterfamilie – inklusive Kindern der Ballettschule und mit dem Ulmer Spatzenchor, gewissermaßen der gesungenen Verkörperung des Spatzen-Logos der Metzger-Intendanz. Das vorgezogene Weihnachtsmärchen ist das „Füchslein“ freilich nicht.

Ewiger Kreislauf

Janácek komponierte eine Liebeserklärung an die unteilbare Schöpfung. Tiere und Menschen geraten in einem Sommernachtstraum durcheinander: Leben und Sterben, Werden und Vergehen. Wo die Tiere zu sprechen und zu singen beginnen, enthüllen sie aber auch den Daseinskampf: Fressen und Gefressen werden. Das ist in der Natur ein organischer Kreislauf,  den der Mensch, der amoralische, verlogene, nur stört. Der Pfarrer (Martin Gäbler) schwängert eine Dorfmaid und schaut weg, als das Kind im Sarg weggetragen wird. Bei den Fuchsens ist es ein fröhliches Gebären und Heranwachsen – bis der Wilderer Haraschta (Christoph Stephinger) die Mutter erschießt. Doch taucht bald wieder ein kleines, schlaues Füchslein auf.

Es ist eigentlich auch die Geschichte der Füchsin, die mit ihrer ungezähmten Vitalität so rebellisch wie verführerisch alle aufmischt, sie ist nicht nur eine schöne Wilde – die Oper ist etwa in der gleicher Zeit entstanden wie Alban Bergs „Lulu“. Maria Rosendorfsky spielt und singt die Titelpartie des schlauen Füchsleins eher natürlich: nicht verrucht, sondern frech und quirlig, allerliebst. I Chiao Shih gibt den Fuchs drollig machomäßig.

Kay Metzger hat kein realistisches Sozialdrama inszeniert, sondern mit souveränem Regie-Handwerk und in feiner Personenführung der Everding-Schule ein heiteres, pulsierendes Welttheater. Er ist ein gediegener Erzähler, der auch Späße macht, einen Hasen (Gaëtan Chailly) als hoppelnden Running Gag einwechselt.

Seinen Janácek hat der Regisseur genau studiert. Der Tscheche beschäftigte sich mit Albert Einstein, mit der Relativität von Zeit und Raum, und konstatierte: „Wir stehen wenigstens auf festem Grund und Boden.“ So einfach ist das aber nicht, weiß auch Metzger: So hat alles auf der Bühne einen doppelten Boden, beziehungsweise es zeigt sich eine doppelt gemalte Wald-Kulisse, deren Türen sich öffnen und schließen. Metamorphosen, auch gefährliche. Aber ein ewiges Spiel. Und zwar ein prachtvoll bebildertes: Mit riesigem Aufwand und fantasievoll hat Ausstatterin Petra Mollérus  die Tierwelt kostümiert und auch die Wirtshaus-Gesellschaft des Chors. Putzige Details: Der Borstenkäfer trägt ein Borsten-Bürsten-Kleid.

 „Ist es Märchen oder Wahrheit“, fragt sich am Ende der alte Förster. Er jedenfalls sieht das Wunder der Natur – und dann schließen sich, wie von Gotteshand und in herrlichster Musik, die Türen: Die Natur ist mit sich im Reinen. „Und mit gesenkten Köpfen werden die Menschen gehen, begreifen, dass ein überirdisch Glück um sie herum gesät ist.“ Mit wunderschöner Emphase und Innigkeit singt das der neue Heldenbariton des Theaters: Dae-Hee Shin.

„Das schlaue Füchslein“ ist ein Ensemblestück mit zahllosen Rollen, der neue Tenor Markus Francke als Schulmeister ließ schon mal aufhorchen. Auch der Ensemblegeist ist ein Statement in dieser allerersten Premiere. Und allemal lohnt es sich, die Musik zu genießen. Janácek hat nicht banal den Wald- und Wiesenklang eingefangen, sondern ein einzigartiges melodisches Gewebe komponiert: von Naturlauten gespeist, von Licht umspielt, im manchmal schwelgerischen Heimatton, aber auch in der Seele bohrend. Ein mährisches Opern-­Biotop.

In der eher felsigen Akustik des Großen Hauses aber blühten die Philharmoniker unter der Leitung von Generalmusikdirektor Timo Handschuh  nicht immer auf. Es ist aber auch eine vertrackt schwere Partitur. Die Leichtigkeit des Klangs – sie sollte in diesem wunderbaren Janácek-Wald noch wachsen.

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Aufführung in deutscher Sprache

Termine „Das schlaue Füchslein“ steht bis Anfang Dezember auf dem Spielplan des Theaters Ulm. Die nächsten Aufführungen: 2., 4., 6., 12., 14., 17., 19., 21. Oktober. Gesungen wird die Oper des Tschechen Leos Janácek in einer deutschen Textfassung von Werner Hintze, es werden aber auch deutsche Übertitel eingeblendet. Die Aufführung dauert rund zwei Stunden, es gibt eine Pause nach dem zweiten Akt.

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