Beruf Hebamme: „Die meisten wollen kein Christkind“

Susanne Lehr in einem der Geburtsräume in der Frauenklinik am Michelsberg. Dort sind auch die Kinderklinik sowie das Pränatalzentrum angesiedelt.
Susanne Lehr in einem der Geburtsräume in der Frauenklinik am Michelsberg. Dort sind auch die Kinderklinik sowie das Pränatalzentrum angesiedelt. © Foto: Matthias Kessler
Ulm / Ulrike Schleicher 22.12.2017
Susanne Lehr ist Hebamme an der Ulmer Frauenklinik. Im Interview spricht sie über die Freuden und auch das Leid in ihrem Alltag.

Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe: Denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“ Das ist ein Auszug aus der Weihnachtsgeschichte. Wir haben das bevorstehende Fest zum Anlass genommen, einmal mit einer Frau zu sprechen, die Kindern auf die Welt hilft.

Frau Lehr, seit geraumer Zeit sieht man wieder mehr Schwangere und Neugeborene – erleben wir gerade einen Babyboom?

Susanne Lehr: Es kommen schon mehr Kinder auf die Welt. An unserer Klinik haben wir aktuell mehr als 3000 Geburten in diesem Jahr. 2014 waren es 2550.

Wie viele Kolleginnen haben Sie?

Köpfe sind es 32, aber natürlich arbeiten einige Teilzeit. Rechnet man das um, so sind es 23 Vollzeitstellen. Wir haben ein paar Planstellen mehr bekommen aufgrund des Booms.

Sie sind seit fast 30 Jahren Hebamme, wie hat sich ihr Beruf geändert?

Grundsätzlich kommen Babys immer noch gleich zur Welt (lacht). Aber ich finde, vieles hat sich zum Positiven verändert. Zum Beispiel, dass heute Frauen Freiraum gelassen wird. Darin, wie sie gebären wollen.

Sie meinen die verschiedenen Angebote wie Gebärstuhl, Wasser... Übertreibt man da heute nicht auch ein wenig?

Zum Teil denken einige Frauen tatsächlich, es sei heute Pflicht, dass sie ihr Kind im Geburtsstuhl zur Welt bringen. Das merke ich auch an den Fragen bei den Infoabenden. Es ist aber nur wichtig, dass sie sich wohlfühlen. Manch eine zieht sich die Decke über den Kopf und will nichts mehr wissen. Warum nicht?

Ist der Aufwand für Sie nicht größer geworden, weil Sie Rücksicht auf individuelle Wünsche nehmen?

Würde ich nicht sagen. Es gibt ja auch Erleichterungen, vor allem im Bereich der Technik, die das ausgleichen.

Wie viel Zeit haben Sie denn im Schnitt für eine Frau?

Es hängt wirklich davon ab, wie viel los ist. Und das ist nun mal nicht planbar, wenn man will, dass Kinder dann kommen können, wenn sie wollen. Manchmal hat man einfach zu viel zu tun für eine Eins-zu-Eins-Betreuung, manchmal nicht.

Eins zu eins, bedeutet das von der Aufnahme bis zur Geburt?

Nein, das heißt, sobald die Geburt mit kräftigen Wehen begonnen hat.

Gibt es immer noch viele Wunschkaiserschnitte?

Meiner Erfahrung nach wird das Thema aufgebauscht. Es sind hier im Ulmer Raum nur wenige, die das wollen.

Und ambulante Geburten?

Hier sind es wenig. Warum, weiß ich nicht.

Vielleicht, weil das Sicherheitsbedürfnis trotz aller Liebe zur natürlichen Geburt zugenommen hat?

Es ist schon so, dass die Paare eine möglichst natürliche Geburt wollen, gleichzeitig jedoch soll alles an medizinischen Leistungen machbar sein.

Was zum Beispiel?

Zum Beispiel ein Kaiserschnitt, der von den Leuten als geringes Risiko betrachtet wird.

Ist das so?

Für Kinder und Mütter ist eine natürliche Geburt meist besser, das ist erwiesen. Zum Beispiel bekommen Kaiserschnittgeborene eher Allergien. Bei Frauen kann es bei einer späteren Schwangerschaft Probleme bei der Einnistung der Plazenta geben.

Stichwort Risiko. Eltern werden immer älter...

Eigentlich hat die Natur vorgesehen, dass man in jungen Jahren Mutter wird. Ältere haben vielleicht eher Diabetes, Bluthochdruck, eine schlechter durchblutete Gebärmutter. Noch nicht mit 30 Jahren, aber mit 40. Und dann sind da noch die Ängste.

Inwiefern?

Naja, das sind zwar gestandene Frauen, die Ausbildung und Berufszeit hinter sich haben. Dann planen die Paare ein Kind, und es klappt nicht. Es folgen womöglich künstliche Befruchtungen, bevor man endlich schwanger ist. Die Belastung  überträgt sich auf die Schwangerschaft. Man will alles richtig machen und hat Angst.

Also müssen Hebammen viel Einfühlungsvermögen haben.

Ja, aber das hat es schon immer gebraucht.

Das brauchen Sie sicher auch bei Frauen, die kein Deutsch sprechen...

Ja, wenn niemand dolmetscht, ist es schwierig. Wir kennen die Vorgeschichte der Frauen nicht, ob es etwa schon eine problematische Schwangerschaft gab. Geflüchtete Frauen etwa haben keinen Mutterpass. Da müssen wir dann erst einmal schauen, ob alles ok ist.

Es ist auch nicht einfach für die Frauen.

Genau. Ich denke dann immer wie es mir gehen würde, wenn ich in einem fremden Land mit einer unbekannten Sprache und in einer Atmosphäre, die ich nicht kenne, ein Kind zur Welt bringen müsste. Das ist beängstigend.

Sind deren Männer eine Hilfe?

Sie sind oft dabei, weil sie meistens eher Deutsch sprechen, sonst würden sie wahrscheinlich nicht mitkommen. Sind sie bei der Geburt nicht dabei, so versuche ich die Frau mit Gesten und Blicken anzuleiten und aufzumuntern.

Wie wichtig sind Männer überhaupt? Stehen sie nicht nur im Weg?

Sie sind elementar für die Frauen, egal ob sie viel machen oder nicht. Aber Männer sind oft gehemmt. Sie sehen ihre Frau in einer fremden Umgebung, sollen ihr vor Fremden den Rücken massieren – sehen, wie ihre Frau sich benimmt unter den Schmerzen. Das ist irritierend. Am besten ist, man integriert sie so gut wie möglich.

Wenn alles gut läuft, sind alle glücklich. Aber manchmal geht es auch anders aus. Wie gehen sie mit Totgeburten um?

Wir haben keine Supervision, aber wir haben uns im Team. Ganz viel wird über Gespräche unter den Kollegen aufgefangen. Ich denke, es nützt mit jemandem zu reden, der die gleichen Erfahrungen gemacht hat.

Wie unterstützen Sie die Eltern?

Zunächst einmal nehmen wir uns ganz viel Zeit für Frauen, die tote Kinder gebären müssen. Und es ist wichtig dass die Eltern Abschied nehmen können, und sie die schreckliche Situation in einer möglichst angenehmen Atmosphäre bewältigen können.

Wie geht das vor sich?

Unsere Sternenfotografin kommt – wenn die Eltern das wollen – und macht Fotos. Wir machen Fußabdrückchen, Kleidung wird ausgesucht. Es gibt Kärtchen für den Namen und es gibt Selbsthilfegruppen, an die wir vermitteln.

Ab wann können sie Frühgeborene am Leben halten?

Ab 24 Wochen machen wir alles, ab 22 Wochen in Rücksprache mit den Eltern. Da braucht es viel Aufklärung. Wir sind als Pränatalzentrum aber hier top, was die Versorgung angeht.

Ist immer ein Arzt bei einer Geburt dabei?

Ja, aber wenn alles normal läuft, hält er sich im Hintergrund. Alles andere machen wir.

Ist aber schon viel Verantwortung...

Ja, stimmt, man muss alles richtig machen. Unser Ziel ist eine gesunde Familie. Wir arbeiten gemeinsam im Team für dieses Ziel.

Manche Frauen sind sicher nicht einfach in dieser Stresssituation. Wann bestimmen Sie, wo es lang geht?

Also, gegebenenfalls in der Pressphase. Manchen Frauen fällt es schwer, sich auf das Mitschieben zu konzentrieren und sie brauchen Anleitung. Und ich schreite ein, wenn sich die Frau eine Lage aussucht, die dem Kind nicht gut tut. Ich muss ja auf zwei Menschen aufpassen.

Warum sind sie überhaupt Hebamme geworden?

Ich wollte das schon immer. Es ist mein Traumberuf. Vor allem der Moment nach der Geburt, wenn die Babys bei der Mama liegen und die Augen aufmachen – das ist ein großartiger Moment auch nach 30 Jahren noch.

Also stimmt das Klischee vom großen Glücksmoment.

Ja. Natürlich läuft nicht immer alles super. An einer großen Klinik wie hier sind aber auch einfach viele Leute im Notfall da, die einen unterstützen.

Was fasziniert sie am meisten?

Die unwahrscheinliche Kraft der Frauen bei der Geburt.

Wer arbeitet an Heiligabend?

Wir wechseln uns jedes Jahr ab. Weihnachten und Silvester.

Ist Weihnachten ein besonderer Dienst?

Für mich schon, einfach weil ich sentimental bin. Bei Eltern ist es auch ein Thema: Viele wollen eher kein Christkind.

Von der Hebammen-Schule nach Memmingen

Werdegang Susanne Lehr ist in Ulm geboren, hat ihre Ausbildung hier an der Hebammenschule absolviert, arbeitete danach mehr als zwei Jahre an der Klinik in Memmingen und kam 1990 nach Ulm. Sie ist Still- und Lakatationsberaterin – die Zusatzausbildung ist international anerkannt. Die 51-Jährige ist verheiratet, hat zwei Söhne. In geringem Umfang ist sie auch freiberuflich als Hebamme tätig.