Verkehr Die Linie 2 kommt 2018 aufs Gleis

Bisher fährt noch nur die Linie 1 durch Ulm, aber 2018 soll die Linie 2 dazu kommen.
Bisher fährt noch nur die Linie 1 durch Ulm, aber 2018 soll die Linie 2 dazu kommen. © Foto: Lars Schwerdtfeger
Chirin Kolb 03.01.2018
An einigen Stellen wird es heikel, der Zeitpuffer ist fast aufgebraucht, die Bauarbeiten werden kaum einfacher. Doch die Straßenbahnlinie 2 soll am 9. Dezember in Betrieb gehen.

Ralf Gummersbach und Torsten Fisch machen einen ruhigen, besonnenen Eindruck. Entspannt? Das wäre zu viel gesagt. Entspannt sind die beiden nicht, können sie gar nicht sein angesichts ihrer Aufgabe: die Linie 2 aufs Gleis zu setzen, und zwar termingerecht zum Fahrplanwechsel am 9. Dezember 2018.

Dass Gummersbach, der Projektleiter der Stadtwerke (SWU) für die neue Straßenbahnlinie, und Fisch, der verantwortliche Verkehrsplaner der Stadt, nicht zu Panikanfällen neigen, ist ein Glücksfall für das größte Ulmer Bauvorhaben seit Jahrzehnten. Die beiden gehen zielstrebig, nachdrücklich, aber mit der nötigen Ruhe zu Werke. Manch einem könnte die Großbaustelle, die sich vom Kuhberg zum Eselsberg einmal quer durch die Stadt zieht, den Verstand, zumindest aber den Schlaf rauben. Auch wenn vieles schon geschafft ist: In diesem Jahr wird es erstmal kaum besser.

Die Arbeiten im Untergrund sind an vielen Stellen längst erledigt, die ersten Gleise liegen bereits seit Monaten. Doch bis der erste Avenio, das neue Straßenbahnwagen-Modell der Firma Siemens, probeweise auf der Strecke fahren kann, dauert es noch bis Herbst. Und das werden harte Monate.

In mehrfacher Hinsicht. Für die Anwohner an der Linie 2 und an den Umleitungsstrecken, weil sie Lärm, Dreck und Einschränkungen in Kauf nehmen müssen. Für die Autofahrer, weil es an manchen Stellen kein Durchkommen gibt. Für die Projektmitarbeiter und die Baufirmen, weil sie noch viel mehr als bisher Hand in Hand arbeiten müssen – und das schon jetzt nicht immer so geklappt hat, wie sich das Ralf Gummersbach und Torsten Fisch wünschen.

Zum Beispiel in der Neutorstraße. Dort wurde nicht nur eine Trasse für die Straßenbahn gebaut, es wurden auch Leitungen verlegt. SWU und Stadt drückten aufs Tempo, andere gingen es wohl lockerer an. Gummersbach formuliert es so: „Die Leitungsträger haben zum Teil ein nicht so großes Interesse wie wir, schnell voranzukommen.“ Die Baufirma setzte ihre Leute an anderen Baustellen ein, es kam zu Verzögerungen. Mit Hochdruck schaffte es die Baufirma schließlich, gerade noch fertig zu werden und „das Weihnachtsgeschäft nicht zu tangieren“.

Der Bau-Boom lässt die Bauunternehmen jubeln, den Auftraggebern jedoch treibt er bisweilen Sorgenfalten ins Gesicht. Egal welches Gewerk die SWU ausschreiben, Gummersbach merkt jedes Mal: „Der Markt brummt.“ Die Firmen sind ausgelastet und haben kaum Kapazitäten frei, die Preise steigen. Trotz dieser Lage nennt der SWU-Verantwortliche die Preise für die Linie 2 bisher „einigermaßen anständig“, die Bau-Konjunktur habe noch kaum zu Mehrkosten geführt.

Gestiegen ist allerdings der Zeitdruck. Ungeahnte Probleme im Untergrund, deutlich marodere Kanäle als angenommen, Leitungen, die nicht dort verliefen wo sie sollten, und Verzögerungen auf den Baustellen haben dazu geführt, dass der Zeitpuffer fast aufgebraucht ist, sagt Gummersbach. „Wir können uns nicht mehr viel Verzögerung leisten.“ Er ist aber zuversichtlich, dass die Linie 2 pünktlich am 9. Dezember startet.

Dafür ist aber noch viel zu tun. Ein Überblick über das, was in den nächsten Monaten ansteht:

1 Neutorstraße/Karlstraße Im Frühjahr kommt es zu einem großen Eingriff in den Verkehr: Ab Anfang März wird das Stück von der Kreuzung Neutor-/Karlstraße bis zur Kienlesbergbrücke für den Verkehr voll gesperrt. Der Grund: „Die Böschung zur neuen Straßenbahnbrücke muss noch gebaut werden“, erläutert Torsten Fisch. Die Kreuzung selbst sei fast nicht tangiert, der Verkehr auf Karl- und Neutorstraße kann weiter fließen. Wie der Verkehr vom und zum Kienlesberg und Michelsberg geführt wird, steht noch nicht fest.

Das hängt auch vom Fortgang der Arbeiten am Alten Fritz ab und davon, wann die Kienlesbergstraße zumindest wieder in eine Richtung geöffnet werden kann. „Wir arbeiten dort mit Hochdruck und müssen vielleicht manches vorziehen“, sagt Fisch. Auch das Wetter ist ein wichtiger Faktor. Wenn es längere Zeit gefriert, müssen die Arbeiten ruhen.

2 Römerstraße Der verkehrsmäßig größte Eingriff steht am Kuhberg an: Die Römerstraße wird zwischen Römerplatz und Westerlinger Straße voll gesperrt, wahrscheinlich von Ostern bis in die Sommerferien hinein. Schon in der unteren Römerstraße gab es eine unliebsame Überraschung, weil der Kanal viel maroder war als angenommen. Deshalb wird er nun in der oberen Römerstraße gleich grundlegend saniert. Das allein nimmt rund sechs Wochen in Anspruch. „Danach ist dann aber 40, 50 Jahre lang Ruhe“, sagt Gummersbach. Egal ob Strom, Wasser, Gas, Daten – alle Leitungen und Kanäle sind dann neu. Das ist dem SWU-Projektleiter wichtig: „Wir bauen nicht nur eine neue Straßenbahnlinie, wir machen die Kanal- und Straßensanierung gleich mit.“

3 Olgastraße/Neutorstraße Schlechte Nachrichten gibt es für die Kreuzung Olgastraße/Neutorstraße. „Die Baufirma hat den Asphalt zu dünn eingebaut“, sagt Gummersbach. Die SWU als Bauherr überprüfen die Qualität der Bauarbeiten stichprobenartig, und an dieser Stelle stimmte sie nicht. Der Asphalt muss womöglich wieder ausgebaut und neu eingebracht werden. Das bedeute etwa eine Woche lang Verkehrsbehinderungen. Wann repariert wird, steht noch nicht fest, auf jeden Fall aber in den verkehrs­armen Ferien. Mängel gibt es auch in der Zeitblomstraße, wo Bordsteine nicht richtig gesetzt wurden. Einige Restarbeiten werden wohl 2019 erledigt.

4 Karajan-Platz Der Platz vor dem Theater wird voraussichtlich ab Juni neu gestaltet. Das Ziel ist: Er soll zum Beginn der Spielzeit 2018/19 fertig sein.
5 Friedrich-Ebert-Straße Auch an dieser Stelle drohen gravierende Einschnitte. Die bestehenden Gleise müssen übergangsweise auf den Deckel der künftigen Tiefgarage am Hauptbahnhof verschwenkt werden. Wann dies der Fall sein wird, ist noch offen und hängt vom Baufortschritt an der Tiefgarage ab. Die Autofahrer können sich aber schon darauf gefasst machen, dass die Friedrich-Ebert-Straße eine Zeitlang nur in eine Richtung befahrbar sein wird. Und das nicht unbedingt wegen der Linie 2: Das Gebäude Bahnhofplatz 7 wird voraussichtlich im Sommer abgerissen, und weil es an der Stelle so eng ist, geht das laut Fisch nicht ohne Sperrungen.

6 Wissenschaftsstadt Wegen der Universität, Forschungseinrichtungen und Firmen gelten am oberen Eselsberg besondere Anforderungen an den Gleisbau. Um elektromagnetische Felder zu minimieren, stehen die Fahrleitungsmasten auf 2,5 Kilometern Länge doppelt so dicht wie auf dem Rest der Strecke, nämlich im Abstand von maximal 25 Metern. An jedem Mast gibt es einen Stromanschluss für die Straßenbahn. „Der Weg, den der Strom zurücklegen muss, soll möglichst kurz gehalten werden“, erklärt Ralf Gummersbach.

Außer Gleisen und Masten fehlt auch sonst noch einiges für die künftige Linie 2: Ampeln, Strom, Beleuchtung, Datenleitungen, Haltestellen . . . Die Zahl der Firmen, die an der Strecke arbeiten, wird sich bald vervielfachen. „Das macht es in der Koordination nicht einfacher“, sagt Gummersbach. Denn alles ist aufeinander abgestimmt. Wenn der eine nicht fertig ist, kann der andere nicht anfangen.

Ab April werden in den Leerrohren, die an vielen Stellen bereits im Untergrund verlegt sind, „tonnenweise Kabel“ eingezogen, sagt Fisch. Im Frühjahr werden entlang der Strecke die ersten Bäume gepflanzt, die Trafohäuschen aufgestellt, im Frühsommer die ersten Haltestellen montiert. Die Absperrungen entlang der Strecke bleiben im ersten Halbjahr bestehen. Gummersbach verspricht: Was weg kann, kommt weg, „wir lassen nichts länger als notwendig stehen“.

Anfang Februar soll der erste Avenio auf einem Schwertransporter in Ulm einrollen. Er verschwindet zunächst zu umfangreicher Prüfung und Schulung der Fahrer im Betriebshof. Im Frühjahr kommt das Fahrzeug dann erstmals auf die Strecke – zu Probefahrten auf der Linie 1. Auf der Linie 2 verkehrt der Avenio wohl erstmals Ende September, ebenfalls probehalber.

Der Zeitplan steht also – und wird doch im Detail immer wieder umgeworfen. Weil hier etwas nicht klappt, es dort Verzögerungen gibt. Ralf Gummersbach und Torsten Fisch müssen ständig reagieren, neu überlegen, anders takten. Dabei dürfen sie ihr Ziel nie aus den Augen verlieren: Am 9. Dezember soll die Linie 2 an den Start gehen. Ja, sagt Fisch, „es ist schon noch ziemlich viel zu tun“. Wie gut, dass er und sein SWU-Kollege von eher ruhigem Naturell sind.

Info Bei einem Tag der offenen Tür am 21. April haben alle im SWU-Betriebshof in der Bauhoferstraße die Möglichkeit, den neuen Straßenbahnwagen Modell Avenio kennen zu lernen.

2020 folgt ein großer Eingriff am Ehinger Tor

Wendeanlage Ein großes Bauprojekt für die neue Straßenbahnstrecke folgt erst, wenn die Linie 2 längst in Betrieb ist. Am Ehinger Tor wird eine Wendeanlage gebaut, damit Straßenbahnwagen jeden Streckenast einzeln befahren können. Das ist in Stoßzeiten nötig, wenn zum Beispiel morgens zum Schulbeginn zusätzliche Straßenbahnwagen Richtung Schulzentrum Kuhberg eingesetzt werden. Diese Straßenbahnen müssen dann nicht die gesamte Strecke bis zum Eselsberg bewältigen, sondern können am Ehinger Tor wenden. Das gilt ebenso in die andere Richtung. An Uni und Wissenschaftsstadt rechnet Verkehrsplaner Torsten Fisch sogar mit einer Stoßzeit von 7.30 bis 10 Uhr. Die Straßenbahnen werden dann im Fünf-Minuten-Takt zur Wissenschaftsstadt fahren.

Bauarbeiten Der Bau der Wendeanlage soll voraussichtlich 2020 starten. Und wenn schon gebuddelt wird, dann richtig: Es stehen auch umfangreiche und schwierige Kanal- und Leitungsarbeiten an. Weil das Ehinger Tor neben dem Hauptbahnhof der wichtigste Nahverkehrsknoten Ulms ist und die Kreuzung Hindenburgring/Neue Straße/Wagnerstraße zugleich die am meisten befahrene, wird diese Baustelle gravierende Folgen für den Verkehr haben, kündigt Fisch an: „Das wird eine OP am offenen Herzen.“ Um die Einschränkungen so klein wie möglich zu halten, werden die Bauarbeiten vermutlich in mehrere kleinere Bauphasen zerlegt.