Ulm Die Komödie "Der nackte Wahnsinn" am Theater Ulm

Schlussbild mit gleich vier Einbrechern: "Der nackte Wahnsinn" einer horriblen Boulevardtheater-Truppe.
Schlussbild mit gleich vier Einbrechern: "Der nackte Wahnsinn" einer horriblen Boulevardtheater-Truppe. © Foto: Ilja Mess
Ulm / JÜRGEN KANOLD 22.11.2014
Das Publikum lacht sich kaputt: Michael Frayns Komödie "Der nackte Wahnsinn" zeigt, wie eine klamottige Tourneetheater-Truppe ein Stück massakriert. Dem Ulmer Ensemble gelingt ein großer Spaß.

Seitensprünge, Lügen und andere Wahrheiten. Stress in der Wäschekammer, die berühmte Leiche im Keller und noch mehr Peinlichkeiten. Falsche Fuffziger und blonde Biester. Und am Ende steht meistens der Hausherr mit heruntergelassener Hose da. Das ist Boulevardtheater. Dem Bürger bricht die Fassade weg - und wir lachen herzhaft darüber, also auch über uns selbst und gerne unter Niveau.

Da zeigt nun also eine Tourneetheater-Truppe ein solches Stück: "Nackte Tatsachen" heißt es. Das Übliche: Ehebruch, Steuerflucht, lauter komische Situationen, weil sich in einem Landhaus mit mindesten acht Türen Leute begegnen, die sich nicht begegnen dürfen. Und weil die real existierenden Ulmer Schauspieler dem Affen mächtig Zucker geben, freut sich das echte Publikum im Großen Haus allein schon an dieser Unterhaltung.

Aber Michael Frayns grandiose Komödie "Der nackte Wahnsinn" bietet ja viel mehr, nämlich Theater übers Theater. Im ersten Akt sieht der Zuschauer einer Schauspieltruppe zu, wie sie das Stück im Stück auf der Generalprobe nur mit größter Mühe ins Ziel bringt - vieles geht schief, weil zum Beispiel Dotty Otley, die alternde Diva in der Rolle der Haushälterin Mrs. Clackett, die Requisiten ständig verschusselt, vor allem den Teller Sardinen.

Im zweiten Akt verfolgen wir das Geschehen aus einer anderen Perspektive, mit dem Blick auf die Hinterbühne: Es läuft eine nachmittägliche Seniorenvorstellung in der Provinz ab; pures Chaos vor und hinter den Kulissen, nicht zuletzt, weil das Ensemble von eigenen Beziehungskisten abgelenkt ist. Slaptstick, Klamauk, Running Gags. Dann bricht im dritten Akt der "nackte Wahnsinn" vollends aus. Jetzt sehen wir die Bühne des Stücks im Stück wieder von vorn, sind Zuschauer im doppelten Sinn und erleben die x-te Vorstellung dieses Ensembles, das nun final das Stück und sich selbst zerlegt. Schreiend komisch.

Ein Selbstläufer ist Frayns "Nackter Wahnsinn" deshalb noch lange nicht. Diese Komödie muss perfekt durchchoreografiert sein: Erst hebt Mrs. Clackett den Telefonhörer ab - dann klingelt, eine Sekunde später, der Apparat. Das ist wahres Timing, hundertfach gefordert. Und Regisseur Philipp Jescheck und seinem Ensemble ist auch am Theater Ulm eine flotte, wirkungsvolle, höchst belachte Inszenierung gelungen.

Ein paar Einwände nur: Vielleicht könnte der erste Akt etwas ernsthafter, weniger klamottig beginnen, damit der Irrsinn später noch gewaltiger zündet. Vielleicht sollten die Figuren der Schauspieler ein etwas deutlicheres Profil besitzen, die Liebschaftsverhältnisse klarer herausgearbeitet sein, so dass die Doppelbödigkeit des Spiels an Potenzial gewinnt. Und schade, dass im zweiten Akt die Dialoge des ablaufenden Stücks hinter der Szene akustisch schwer verstehbar sind - aber was da auf der Hinterbühne pantomimisch passiert, das ist turbulent, irre, manchmal atemraubend.

Nein, Jescheck hat den "nackten Wahnsinn" bestens entwickelt. Und seine Akteure, angeführt von Ulla Willick als die versoffen knarzende, Sardinen-vergessliche Altmeisterin Dotty, geben alles: Christian Streit hoppelt als unermüdlicher Garry mit zusammengebundenen Schuhen durch die Szene und stürzt im vollendeten Stunt die Treppe runter; Aglaja Stadelmann ist als dummblondes Gift Brooke gewissermaßen der halbnackte Wahnsinn; Jörn-Heinrich Benthien rollt als Frederick und Robert-Geiss-Double wunderbar treudoof die Augen.

Christel Mayr spielt die überdreht patente Belinda, die sich verzweifelt gegen das Chaos stemmt; Wilhelm Schlotterer glänzt als beinahetauber Alkoholiker Selsdon, der garantiert in der Einbrecher-Rolle jeden Einsatz verpasst. Dazu kommen Florian Stern als fleißiger Inspizient, Tini Prüfert als hysterisch schluchzende Regieassistentin und Fabian Gröver als der gar nicht so lustig toughe Regisseur.

Das Premierenpublikum lachte sich schlapp. Wie sagt Lloyd, der Regisseur: "Auftritte, Abgänge. Sardinen rein, Sardinen raus. Das ist Theater. Das ist Leben." Mehr braucht's nicht. Aber das ist klasse.

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