Hochschule Start-Up „Fairbrush“: Nachhaltigkeit mit einer Zahnbürste

Du hast es in der Hand – mit diesem Slogan wirbt Hochschul-Student Enrico Berardone (links) für sein Start-up-Unternehmen Fairbrush.
Du hast es in der Hand – mit diesem Slogan wirbt Hochschul-Student Enrico Berardone (links) für sein Start-up-Unternehmen Fairbrush. © Foto: Privat
Ulm / Rudi Kübler 21.08.2018
Enrico Berardone, angehender Wirtschaftsingenieur, hat sich mit seinem  Start-up Fairbrush der Nachhaltigkeit verpflichtet. Für jede verkaufte Bürste, wird eine gespendet.

Zahnbürsten sind Zahnbürsten sind Zahnbürsten – eigentlich. Glaubt man der Werbung, dann stimmt das freilich nicht. Denn für 100 Prozent Mundschutz, garantierte Zufriedenheit, zwölf Stunden sauberes Gefühl und gesundes Zahnfleisch kommt nur die eine, na, die Dings in Frage. Der Firmenname ist uns jetzt spontan entfallen. Dann gibt es kluge Zahnbürsten – und klügere Zahnbürsten, weil: Klüger gibt nach. Kurzkopf, Schwingkopf, Aufsteckkopf. Darf’s noch ein bisschen mehr Kopf sein?

Zahnbürste aus Bambusholz

Die Zahnbürste mit Köpfchen ist von Enrico Berardone. Sie verzichtet auf die „bewährte Dr. Blödsinn-Federung“, wie es auf der Homepage des 25-Jährigen heißt, der im achten Semester Wirtschaftsingenieurwesen an der Hochschule Neu-Ulm studiert. Berardone hat vor kurzem „Fairbrush“ gegründet, ein Start-up-Unternehmen, das Zahnbürsten im Sortiment hat. Nichts als Zahnbürsten, mit weichen und mittelharten Borsten. Wo ist da die Geschäftsidee? Das machen andere doch auch. Meist aus Plastik, werden sie noch in Jahrhunderten auf den Müllkippen liegen oder an den Stränden angeschwemmt.

Genau dort setzt Berardones Geschäftsmodell an: an der Nachhaltigkeit. Seine Zahnbürste ist aus Bambusholz. Der 25-Jährige will erstens etwas für die Umwelt tun und zweitens: Er nimmt er auch die Gesellschaft ins Blickfeld seiner Überlegungen; er will auch denen helfen, die sich keine Zahnbürste leisten können. Ja, die nicht einmal wissen, was eine Zahnbürste ist und wozu man sie verwendet. Buy one, give one – diesem Slogan fühlt sich der angehende Wirtschaftsingenieur verpflichtet.

Motto lautet: Buy one, give one

Wer also eine Zahnbürste kauft, spendet gleichzeitig eine. Da hört sich der Student gleich ganz professionell wie der Gründer eines Start-up-Unternehmens an, der er in Wirklichkeit ja auch ist. „Jeder Stakeholder hat etwas davon: die Gesellschaft, die Umwelt und letztlich die Firma.“ Um den Begriff des Stakeholders zu erklären: Das sind das Unternehmen selber und die Aktionäre. „Es geht nur um das finanzielle Geschäft. Nachhaltigkeit wird in diesen Geschäftsmodellen nicht abgebildet“, erklärt Berardone, der gerade seine Bachelorarbeit über Geschäftskonzepte schreibt, die einen Mehrwert für Umwelt und Gesellschaft haben. Stakeholder kann also jeder sein, der Interesse am Produkt hat, weil er den Spenden- und den Nachhaltigkeitsgedanken unterstützt Schlicht gesagt: Zahnbürsten kann jeder verkaufen. Berardone richtet sich an die Menschen, die etwas weiter denken als nur an die Mundhygiene.

Wie kam es dazu?

Im vergangenen Jahr machte er Urlaub an der Amalfi-Küste, dort hat die Familie ihre Wurzeln. Was er im Hinterland sah, schockierte ihn: Hier die Idylle, dort die wilden Müllkippen. Was kann ich machen? Das habe er sich gefragt angesichts der ungeheuren Umweltverschmutzung. Und dann hallte eine Vorlesung über strategisches Management in ihm nach. Prof. Thomas Wunder von der Fakultät Wirtschaftswissenschaften an der Hochschule Neu-Ulm hatte das Thema „nachhaltige Geschäftsmodelle“ gestreift. Das alles verdichtete sich plötzlich. „Wo ist der Sinn des Lebens? Er kann doch nicht nur darin liegen, zu arbeiten, um Geld zu verdienen?“

Die Entstehung der Idee

Aber wo ansetzen? Bei einem Gegenstand des Alltags, einem Gegenstand, den jeder kennt, den jeder braucht. Die Zahnbürste eben. Berardone sprach mit seinen Freunden aus dem Semester, eine ganze Nacht verbrachten sie zu viert in einem Seminarraum und diskutierten bis morgens um 6 Uhr. Die Ideen sind nur so gesprudelt, auch der Firmenname fiel schon in dieser Nacht: Fairbrush. „Eigentlich waren wir ja in der Prüfungsphase. Aber das hat uns irgendwie abgelenkt.“

Dann kam das Auslandssemester dazwischen, das Geschäftsmodell mit der Zahnbürste ließ ihn auch in Finnland nicht los. Die Kurse, die er an der finnischen Partnerhochschule belegte, konnte er alle mit seinem Projekt verbinden – sei es, als er einen Finanzplan für eine Firma erstellen sollte, sei es, als er einen Online-Shop aufbauen sollte, sei es, als er einen Vortrag halten sollte. Die nachhaltige Zahnbürste war immer das Thema. Bei einem Ideen-Wettbewerb holte er sich den 1. Preis für sein Geschäftsmodell.

Die Test-Phase

Und er dachte sich: „Wenn ich jetzt nicht durchstarte, bereue ich das später.“ Noch in Finnland mailte Berardone eine Unzahl chinesischer Lieferanten an, „sie sind nicht nur die Spezialisten in Sachen Bambus. Die Kosten lagen auch in dem Bereich, den ich mir als Student leisten konnte.“ Mit einigen Lieferanten kam er ins Gespräch, ließ sich Muster zuschicken und testete dann mit Freunden die unterschiedlichen Modelle. Wie ist der Griff? Wie sind die Borsten? Von Naturborsten kam er schnell weg – und zwar aus hygienischen Gründen. „Deren Oberfläche ist rau, Bakterien könne sich dort ideal ansiedeln.“

1000 Bambus-Zahnbürsten orderte er schließlich. Die Hälfte davon wollte er, bevor sein Start-up überhaupt einen finanziellen Gewinn verbuchen konnte, in Thailand spenden. „Buy one, give one“ sollte nicht eine Floskel bleiben. Was er dann in thailändischen Schulen, Kindergärten und Waisenhäusern erlebt hat, bestärkte den Studenten, an dem Geschäftsmodell festzuhalten.

Zwei Seiten einer Medaille

Wobei: Thomas Wunder, der Professor, der Berardones Bachelorarbeit betreut, sieht nicht nur die eine Seite. „Schön, dass die jungen Leute sich in Vorlesungen inspirieren lassen“, sagt der Betriebswirtschaftler. Aber solche Geschäftsmodelle richteten in den betroffenen Ländern auch viel Schaden an, weil sie nicht die Ursachen lösen. „Sie sorgen für ein Abhängigkeitsgefühl.“ Insofern sei er gespannt, wie sein Student das Problem in der Abschlussarbeit angeht.

Ob sein Start-up erfolgreich wird, kann der 25-Jährige zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Fairbrush ist ja erst ein halbes Jahr auf dem Markt, noch sind nicht alle Zahnbürsten aus der ersten Lieferung verkauft. „Ich werde sicherlich nicht Millionen verdienen. Das ist mein Hobby.“ Und sollte Fairbrush an die Wand fahren, dann sei der finanzielle Schaden überschaubar. Sein Startkapital lag unter 5000 Euro. „Dann habe ich wenigstens etwas Gutes gemacht.“

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Zur Person

Lebenslauf Enrico Berardone sitzt derzeit an seiner Bachelorarbeit, die sich um nachhaltige Geschäftsmodelle dreht. Der 25-Jährige ist in Apfelstetten auf der Münsinger Alb aufgewachsen, nach dem Abitur am Technischen Gymnasium in Reutlingen hat er Industriemechaniker gelernt und dann das Wirtschaftsingenieurstudium begonnen, das die beiden Hochschulen Neu-Ulm und Ulm gemeinsam anbieten. Seine Motivation: „Ich bin kein Maschinenbauer, ich habe gern Kontakt mit Menschen.“

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