Ulm Die Heilkraft der Kräuter

ULRIKE SCHLEICHER 27.06.2015
Bertram, Galgant und Andorn - Namen von Kräutern, die kaum ein Mensch kennt. Sie gehören zu den Heilmitteln der Hildegard von Bingen, deren Wissensschatz die Apothekerin Irene Maurer fasziniert.

Anti-Aging? Im Mittelalter war das kein Thema. Die Lebenserwartung in diesen Zeiten betrug etwa bei Frauen gerade mal 29,5 Jahre. Das lag vor allem auch an vielen Geburten und der schweren Arbeit auf dem Feld und im Haus. Deshalb findet man in den Schriften der Äbtissin, Naturforscherin, Ärztin, Komponistin und Mystikerin Hildegard von Bingen keinen Satz über Mittelchen gegen Falten und schlaffe Haut. "Dafür aber vieles über einen gesunden Darm", erklärt Irene Maurer, Apothekerin und Frau des ehemaligen Inhabers der Löwenapotheke, Dr. Gerhard Maurer.

Was Hildegard durch Überlieferung, Erfahrung und Beobachtung wusste - dass etwa der Darm Einfluss auf unser Immunsystem hat, sich Stress auf den Magen schlägt und die Ernährung eine große Rolle spielt - gehört heute zu den Standards des medizinischen Wissens. "Umso faszinierender ist es, dass diese Frau das vor hunderten von Jahren schon erkannt hat", sagt Irene Maurer, die in Ulm einen Hildegard-Kreis leitet.

Ein weiterer, positiver Aspekt für die Expertin für Naturheilkunde: der ganzheitliche Therapieansatz, der bei der Äbtissin des Klosters Rupertsberg bei Bingen in Gott und dem Glauben begründet lag. Heute würden die Symptome geheilt, nicht die Ursachen. "An Gott glauben oder nicht, liegt natürlich im Ermessen jedes Einzelnen", sagt die 70-Jährige. Stand der Wissenschaft ist jedoch auch: Wer mit sich selbst nicht im Reinen ist und ständig Probleme hat, wird eher krank - psychosomatisch, nennt man das dann.

Grenzen hat die Hildegard-Medizin für Irene Maurer da, wo die Äbtissin auf die Wirkung von geriebenen Geierschnäbeln und Hörnern setzt: "Das ist sicher Teil eines Irrglaubens", sagt sie. "Was aber die Wirkung der Kräuter und der Essenzen betrifft, habe ich keine Zweifel." So habe sie vor Jahren mit dem Maitrunk - einem Wein mit abgepressten Wermutsprossen - ihre Pollen-Allergie geheilt. Sechs Wochen lang nahm sie jeden zweiten Morgen ein Likörglas ein, dann war die Allergie weg: "Ganz natürlich, ohne Nebenwirkungen."

Einige der Kräuter sind vielen heute noch als gängige Hausmittel bekannt: etwa Fenchel bei Verdauungsbeschwerden, Kamille gegen Entzündungen. Und vieles hat aufgrund der Forschung inzwischen auch Eingang in die moderne Schulmedizin gefunden. So empfahl Hildegard bei Magenbeschwerden das heute nahezu unbekannte Alant. Es enthält Inulin, einen Ballaststoff, der eine günstige Wirkung auf die Darmflora hat und möglicherweise sogar vor Darmkrebs schützen kann.

Ein weiteres unbekanntes Kraut ist Bertram, das der Kamille ähnlich sieht und von Hildegard als Stärkungsmittel empfohlen wird: "Einem gesunden Menschen ist Bertram gut zu essen, weil er die Schadstoffe im Blut mindert und das gute Blut mehrt, den Verstand stärkt und eine gute Verdauung macht."

Oder auch Andorn, ein vielfältig anwendbares Kraut und wahrer Tausendsassa. Die Pflanze, die Blätter ähnlich wie die Zitronenmelisse hat und weiße Blüten, soll auf die meisten Organsysteme des Menschen eine heilsame Wirkung ausüben. "Vor allem aber hilft es bei Husten", weiß Irene Maurer. Auch Galgant, ein Ingwergewächs, gehört zu den gängigen Heilmitteln der Hildegard-Medizin: "Es hilft bei Angina Pectoris - Patienten erleben eine fühlbare Erleichterung", sagt die ehemalige Lehrerin für Galenik, die Lehre zur Herstellung von Arzneimitteln. Genau so fände es Anwendung bei Verdauungsproblemen.

Sie findet es bedauerlich, dass Menschen heute kaum etwas über die Heilkraft von Kräutern und Gewürzen wissen. Früher sei jeder Bauerngarten auch ein Heilgarten gewesen. Da wuchs zwischen den Blumen Petersilie, Quendel, Liebstöckel, Salbei, Sellerie, Schlehen und Pfaffenhütchen - alles Grundlagen für heilsame Tees, Weine und Essenzen bei Hildegard.

Auch bei Spaziergängen finde man Heilpflanzen. Auf Wiesen wächst Löwenzahn, dessen junge Blätter hervorragend schmecken und der Entschlackung dienen, sagt Irene Maurer. Oder etwa Schafgarbe, die bei Hildegard äußerlich angewendet der Wundheilung dient und als Tee bei Fieber und Entzündungen helfen soll. Huflattich sei gegen Husten gut, und die Königskerze löse Schleim, erklärt Irene Maurer, die ein Herbarium mit 250 Pflanzen hat und früher oft wandern ging. Heute begibt sie sich zum Botanischen Garten der Uni Ulm ins Lehrer Tal, wo sich auch ein Apothekergarten befindet. "Der ist schön und lehrreich zugleich", findet sie.

Natürlich gerät Naturheilkunde an ihre Grenzen wie die Schulmedizin auch. Es ist eben kein Kraut gegen jede Krankheit gewachsen, sie kann aber begleiten und die Selbstheilungskräfte unterstützen. Irene Maurer kritisiert vor allem die paternalistische Medizin, wie sie es nennt: "Die meisten tun einfach das, was der Arzt ihnen sagt." Eigenverantwortung, die Menschen in Zeiten der Hildegard von Bingen noch hatten, sei verloren gegangen: "Da gab es viel vagere Angaben bei der Dosierung, man musste Erfahrungen weitergeben und von Fall zu Fall entscheiden."

Die Äbtissin erreichte im Übrigen ein geradezu biblisches Alter für ihre Zeit: Im Jahr 1179 starb sie mit 81 Jahren auf dem Rupertsberg.

Produktion in Konstanz, Info-Kreis im Generationenhaus

Herstellung Wo soll man Griechenklee, Weinraute, Cubebenpfeffer, Akeleipulver, Hirschzungenelexier, Pflaumenaschenlauge, Süßholzsaft und Lattichmischpulver bekommen? Die Firma Jura Naturheilmittel in Konstanz stellt Produkte nach der Hildegard-Medizin her. In Ulm sind sie in der Löwenapotheke in der Neuen Straße erhältlich. Dort werden Fragen beantwortet und man wird auch beraten.

Treff Irene Maurers Hildegard-Kreis trifft sich jeden dritten Dienstag im Monat im Generationenhaus im Grünen Hof. Interessierte sind willkommen. Mehr Informationen unter Tel. (0731) 159 05 75.