"Der Kreis schloss sich, indem er sich öffnete." Es ist ein Paradoxon, mit dem Ilse Aichinger ihren ersten Besuch in Ulm beschreibt.

Wie sich der Kreis öffnete? Inge Scholl lud die junge Österreicherin 1950 in die Ulmer vh ein - damit begann eine Zeit und dadurch fanden Begegnungen statt, die die Autorin entscheidend prägen sollten.

Und wie schloss sich dadurch ein Kreis? Es war just das Wirken gegen Hitler und die Hinrichtung der Weißen Rose, der Ulmer Geschwister Hans und Sophie Scholl, die für Aichinger in Wien während der Kriegsjahre zu einem Schlüsselerlebnis geworden war - und zum Ausgangspunkt für ihren Roman "Die größere Hoffnung" von 1948.

Die Begegnung mit Inge Scholl 1950 in Ulm wurde dann zu einem weiteren Schlüsselerlebnis für Aichinger, wie die Komparatistin Christine Ivanovic nun in einem Band der bibliophilen Reihe "Spuren" des Deutschen Literaturarchivs Marbach herausarbeitet.

Es war der Begriff "Hoffnung", der Aichinger und Scholl miteinander verband. In der 1987 veröffentlichen autobiografischen Skizze "Nach der weißen Rose" reflektiert Aichinger darüber, wie sie erstmals von der Widerstandsgruppe erfuhr: "Ich kanne keinen dieser Namen, aber ich weiß, dass von ihnen einen unüberbietbare Hoffnung auf mich übersprang. Diese Hoffnung hatte, obwohl sie es uns möglich machte, in dieser Zeit weiter zu leben, doch nichts mit der Hoffnung zu überleben zu tun." Es war vor allem eine ethische Haltung, die Aichinger dann mit den Scholls verbinden sollte: Sie sprach von einem "Maß", das es einzuhalten gilt.

Im Tagebuch hatte die 1921 geborene Aichinger bereits am 21. März 1943, einen Monat nach der Hinrichtung, notiert: "Die Hoffnung ist alles, diese größere Hoffnung, die die Dinge aus dem Schwankenden hinausreißt in die brennende Existenz des guten Willens."

So ist Aichingers Erstlingswerk "Die größere Hoffnung", das ihren Ruhm begründete, ganz ursprünglich mit der Weißen Rose verknüpft. Es ist der selbe Geist, wie Ivanovic beschreibt, aus dem heraus sich Inge Scholl in Ulm engagierte: Sie machte das Gedächtnis an den Widerstand ihrer Geschwister zur Lebensaufgabe und zum Fundament eines breiten öffentlichen Bildungsauftrags; mit Otl Aicher und einem Kreis Gleichgesinnter eröffnete sie 1946 die Ulmer Volkhochschule.

In diese vh lud sie Aichinger 1950 zu einer Lesung ein. Sie hatte, ohne um die Bedeutung der Weißen Rose für die Autorin zu wissen, die geistige Verwandtschaft erfasst, die den Roman "Die größere Hoffnung" mit den Aktionen ihrer Geschwister verband. Es schloss sich der Kreis, indem er sich öffnete: "So war Ulm die erste Stadt, die ich in Deutschland betrat", blickte Aichinger zurück. "Und ich weiß, dass ich in einen hellen Raum kam und dass die Hoffnung hier in Gegenwart und Zukunft übersetzbar wurde . . ."

Aichinger arbeitete 1951/52 als Assistentin Inge Scholls an der vh Ulm. Sie wohnte erst bei den Eltern Scholl, später bei Fritz und Elisabeth Hartnagel, einer weiteren Scholl-Schwester. Im engagierten Kreis kam Inge Scholl auch in Kontakt zu Hans Werner Richter, der sie zur Gruppe 47 einlud. Dort lernte sie ihren späteren Mann Günter Eich kennen und gewann 1952 mit ihrer "Spiegelgeschichte" den wichtigen Preis der Gruppe - was bedeutsam für ihre Karriere war.

Auch später kam Aichinger immer wieder nach Ulm. Sie hatte sich mit Inge Scholl und deren späteren Mann, dem Künstler Otl Aicher, angefreundet. Der sollte wiederum die meisten Buchausgaben Aichingers im S. Fischer Verlag gestalten. Und die Autorin sollte sich immer wieder aktiv für das öffentliche Gedenken an die Weiße Rose einsetzen.

Ein Kreis, der, einmal geschlossen, wirklich geöffnet war.

Info Christine Ivanovic: Ilse Aichinger in Ulm. Spuren 93. 16 S., 4.50 Euro. Bestellbar im Buchhandel und bei www.alim-bw.de/spuren