Ulm Die Geschichte der "Stadtärztin" Agathe Streicher

Setzt Agathe Streicher ein Denkmal: Ursula Niehaus.
Setzt Agathe Streicher ein Denkmal: Ursula Niehaus. © Foto: PUSCH_H
Ulm / SABRINA SCHATZ 08.05.2015
Mit dem Historienroman "Die Stadtärztin" setzt die Autorin Ursula Niehaus der im 16. Jahrhundert lebenden Ulmerin Agathe Streicher ein Denkmal.

Die Frauenquote unter den Ärzten war nicht sehr hoch, als Agathe Streicher ihre Leidenschaft für das "Medizinieren" entdeckte. Allen Widerständen zum Trotz legte die Ulmerin 1561 als erste Deutsche den Amtseid als Stadtärztin ab. Viel ist nicht über sie bekannt. Doch genug, um zur Protagonistin von Ursula Niehaus' Historienroman "Die Stadtärztin" zu werden.

Die Autorin wurde 2004 beim Besuch eines "Frauengedenk-Labyrinths", wo Gedenksteine an bemerkenswerte Frauen erinnerten, auf die Ulmerin aufmerksam. "Seitdem schwirrte mir die Figur im Kopf herum", erzählt sie. Doch es dauerte, bis sie die Romanidee realisieren konnte - ein Kind und Werke wie "Heiligenspiel" kamen dazwischen.

"Meine Figur entstand im Rückschlussverfahren. Ich habe mich gefragt: Was für ein Mensch könnte sie gewesen sein? Ein zartes Persönchen wohl kaum", erklärt Niehaus. So zeichnet der Roman trotz der dünnen Faktenlage zu Agathe Streicher das lebendige Bild einer Frau, deren Mitgefühl jegliche Bedenken überwiegt, von Schicksalsschlägen geprägt, mit unbändigem Willen und Wissensdurst. Erstaunlich emanzipiert für ihre Zeit. Die "Jungfer Streicher" versorgt bettelarme Kranke, lernt Latein, stibitzt Bücher. Dafür riskiert sie Ruf und Liebe, verärgert die Familie, ist den männlichen Kollegen ein Dorn im Auge - bis Patienten hohen Standes von ihren Methoden erfahren.

Viele der Lebenswirren hat Ursula Niehaus zugunsten der Dramaturgie ausgeschmückt, Doch durch die gut recherchierten Schauplätze und historischen Hintergründe setzt die Autorin ihre Agathe Streicher in eine authentisch wirkende Szenerie. Sattlergasse, Münsterplünderung, Fischerstechen - die Leser wandeln mit Agathe durch das Ulm des 16. Jahrhunderts.

"Das Stadtarchiv hat mir Originalunterlagen kopiert. Aus Ratsprotokollen habe ich viel von anderen Ärzten und Agathes Bruder Augustin erfahren." So entspann sich aus einem "Knäuel an Fakten und Fantasie" allmählich eine Handlung. Den Fokus legte Niehaus auf den religiösen Zwist der Reformationszeit und den damaligen Wissensstand der Medizin.

"Die Stadtärztin" ist der vierte historische Roman der Autorin. Der Karrierestart gelang 2007 mit "Die Seidenweberin". Schauplatz darin: das mittelalterliche Köln, Niehaus' Heimatstadt. Alle Werke drehen sich um Frauen der deutschen Geschichte, die aus üblichen Rollenbildern ausbrachen. "Ich will diese starken Frauen der Vergessenheit entreißen", erzählt sie. Ursula Niehaus' Frauenquote ist also durchaus beachtlich. Eines ihrer nächsten Bücher solle aber ausnahmsweise von einem Mann handeln.

Info Ursula Niehaus: Die Stadtärztin. Knaur, 432 Seiten, 19.99 Euro.

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