Uni Ulm Die Experimentalphysikerin und die Kultur

Die Forscherin Ute Kaiser engagiert sich für das Musische Zentrum der Universität Ulm.
Die Forscherin Ute Kaiser engagiert sich für das Musische Zentrum der Universität Ulm. © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / Lena Grundhuber 24.08.2018

Ute Kaiser lebt in zwei Welten: Unter der Woche ist sie Professorin für Experimentalphysik und leitet die materialwissenschaftliche Elektronenmikroskopie an der Uni Ulm. Am Wochenende fährt sie zu ihrer Familie nach Jena. Dort lebt ihr Mann, dort wohnen Tochter und Sohn sowie die fünf Enkel. Als die Physikerin 2004 ihrem Ruf nach Ulm folgte, wollte sie unbedingt eine Wohnung mit Münsterblick, sie ist fasziniert vom höchsten Kirchturm der Welt. Denn Kaiser hat auch innerlich eine zweite Welt, und in der spielen Musik, Literatur, Theater und Tanz eine wichtige Rolle. Die Forscherin kommt ja aus dem Herzland deutscher Kultur: 1953 in Ost-Berlin geboren und aufgewachsen, lebte sie lange in Jena.

War der Umzug von Ost nach West ein Kulturbruch für Sie?

Ute Kaiser: Nein, obwohl der mitteldeutsche und Berliner Raum Heimat so vieler berühmter Persönlichkeiten war. Aber Kultur lebt durch die Menschen, die Vielfalt in Ulm weitet mir den Blick, ich erlebe auch, wie in Ulm Menschen verschiedener Kulturen sich in Musik verbinden. Es sind vor allem drei Dinge, die ich an der Stadt toll finde: dass sie das Münster hat, dass Einstein hier geboren ist und dass die Donau durchfließt. Wenn ich Vorträge halte, flechte ich, wenn möglich, diese Verbindungen ein.

Warum interessiert Sie das?

In meiner Kindheit gehörte Kultur dazu, ohne Musik und Literatur kann ich mir das Leben gar nicht vorstellen. Obwohl die Politik der DDR auch die Möglichkeiten zur kulturellen Bildung eingeschränkt hat, sind wir regelmäßig mit der Schule, mit den Eltern und später mit der eigenen Familie in die Oper und ins Theater gegangen, selbst wenn man die halbe Nacht um Karten anstehen musste. Manche Literatur wie Christa Wolf oder Michail Bulgakow haben wir nur unter dem Ladentisch, andere wie Alexander Solschenizyn nur geschmuggelt bekommen. Letzterer wurden eingewickelt in Zeitungspapier unter Freunden weitergegeben.

Auch als Naturwissenschaftlerin gehört all das zur Bildung?

Für mich gehört das zusammen, Kreativität muss ja irgendwie entstehen. Ich habe wenig Zeit zum Lesen schöngeistiger Literatur, aber irgendwie schaffe ich es doch. Außerdem spiele ich Klavier und singe im Chor, wenn es geht. Das Requiem von Mozart habe ich kürzlich mit dem Uni-Chor mitgesungen. An der Uni bin ich im Sprecherrat des Musischen Zentrums, weil ich mithelfen möchte, dass diese schöne Einrichtung sichtbar für unsere Studierenden wird, als Gegenpol zum Uni-Alltag. Jeden Tag haben wir Angebote zum Malen, Tanzen, Singen, Theaterspielen und in der Instrumentalmusik.

Sie stiften die Studierenden zu fachfremden Tätigkeiten an?

Nun ja, zum Beispiel, wenn wir selbst eine Tagung ausrichten, ist sie immer musikalisch umrahmt, da freue ich mich, wenn meine Mitarbeiter etwas beitragen können. Wenn ich in einem Lebenslauf lese, dass jemand musikalische oder künstlerische Hobbies hat, dann ist das für mich ein Plus.

Was hat Physik mit Kreativität zu tun?

In der Physik gibt es ständig Dinge, die wir uns nicht erklären können, und es braucht Ruhe zum Nachdenken, um eine Lösung zu finden. Ich erinnere mich, dass ich einmal einen Kristall im Elektronenmikroskop abbildete, dessen Struktur wir nicht verstanden. Die Erkenntnis kam mir beim Schwimmen – es war etwas ganz Einfaches. Ein prominentes Beispiel ist Werner Heisenberg, der zum Kurieren seines Heuschnupfens nach Helgoland fuhr und den „West-östlichen Divan“ von Goethe auswendig lernen wollte. Plötzlich schrieb er die Unschärferelation auf und begründete damit die Quantenmechanik. Eine unfassbar kreative Leistung aus schöpferischer Ruhe vollbracht!

Erkenntnis kommt nicht nur von Arbeit, sondern auch von Freiheit?

Ja. Obwohl – so 90 Prozent sind schon Arbeit.

Sie sind Kristallographin. Ist das auch ästhetisch für Sie?

Klar finde ich Symmetrien oder Asymmetrien auch ästhetisch, und es reizt mich, sie zu verstehen. Mit unserem Supermikroskop „SALVE“ können wir zum Beispiel hochgenaue Filme von Atomen aufnehmen und so deren Bewegung in einer Vielzahl von Materialien erforschen! Wir wählten den Namen „Salve“ (Sub Angström Low-Voltage Elektron microscopy), weil er ein schönes Wortspiel enthält: In Goethes Wohnhaus steht das Wort SALVE als Gruß auf dem Parkett. Als wir die Fertigstellung des Mikroskops und des Gebäudes feierten, haben alle Projektbeteiligten von uns „Salve“-Matten aus Weimar bekommen. Von Goethes unglaublicher Neugier könnte man übrigens heute noch lernen.

Haben Sie ein Klavier in Ulm, was spielen Sie?

Im Moment noch den zweiten Satz von Beethovens „Pathétique“. Den habe ich vor einiger Zeit so ergreifend gespielt gehört, dass ich ihn lernen wollte. Außerdem spiele ich gern Chopin, Debussy oder Bach, leichtere Stücke. Ohne Klavier zuhause geht es für mich nicht.

Ich habe gehört, Sie tanzen auch?

Davon habe ich schon als Kind heimlich geträumt. Als ich vom Uni-Ballett in Ulm erfuhr, habe ich gefragt, ob ich mitmachen darf, seither bin ich mal aktiver, mal weniger aktiv dabei. Einmal im Jahr tanzen wir im Münster, da mach ich mit; das ist ein besonderes Erlebnis.

Welche ist die wichtigste Kunstform für Sie?

Da kann ich mich nicht entscheiden. Wenn ich eine Weile lang nicht in einem Konzert war, merke ich, wie sehr es mir fehlte. Ich wohne in der Nähe des Theaters und könnte jeden Tag hingehen, diese Freiheit ist mir viel wert, obwohl ich sie nicht oft nutzen kann. Das Ballett dort mag ich besonders. Wenn ich Besuch bekomme, gehen wir aber auf alle Fälle ins Theater, ins Münster und ins Museum Ulm. Und natürlich lese ich.

Welches Buch lesen Sie denn gerade?

Ich habe neulich endlich den „Doktor Faustus“ von Thomas Mann gelesen und denke nun, das müsste jeder tun in der heutigen Zeit. Erstens natürlich wegen der unglaublich schönen Sprache und der Gedankentiefe. Die Geschichte spielt in den 1920er Jahren, doch Thomas Mann schreibt sein Werk am Ende des Zweiten Weltkriegs und macht die Entstehung des Nationalsozialismus’ im Pakt mit dem Teufel deutlich. Ich glaube, viele wissen gar nicht mehr, was für ein Schatz unsere Demokratie ist.

Fehlt Ihnen etwas in Ulm?

Das Einstein Discovery Center! Unser Verein träumt davon, dass es zu Einsteins 150. Geburtstag eingeweiht wird und Einsteins Theorien darin erlebbar werden. Wir möchten auch die sich daraus entwickelte heutige Quantenphysik richtig begreifbar machen, denn sie ist für den von der Alltagserfahrung geprägten Menschenverstand erst einmal sehr ungewöhnlich.

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Buch, Musik, Film

Welches Buch sie auf eine einsame Insel mitnehmen würde? Früher wäre es wohl eine Gedichtsammlung von Shakespeare, Goethe, Rilke, Brecht, Hesse oder Lasker-Schüler gewesen. Aber heute sei es eben „Doktor Faustus“ von Thomas Mann: „Man kann nicht oft genug über die Entstehung des Nationalsozialismus nachdenken.“

„Wenn ich nur einen Komponisten nennen darf, muss ich Bach sagen“, vielleicht die Kantaten, am liebsten mit dem Thomaner Chor.

Sehr gestaunt habe sie kürzlich über den Film „Once“ von John Carney mit Glen Hansard und Marketa Irglova und ihrem Lied „Falling Slowly“.

Unsere Sommerserie

Auf der Kulturseite schreiben wir Tag für Tag über Kulturschaffende. Aber Kultur spielt im Leben der meisten Menschen eine Rolle. Daher führen wir diesen Sommer Gespräche mit Menschen aus Politik, Wirtschaft, Sport und überhaupt dem öffentlichen Leben über Kultur. Nach Baubürgermeister Tim von Winning, Gold-­Ochsen-Chefin Ulrike Freund und dem Neu-Ulmer Amtsgerichtsdirektor Thomas Mayer ist Professorin Ute Kaiser an der Reihe.

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