Theater Ulm Die Bilanz der Ära Matthias Kaiser

Ulm / Von Jürgen Kanold 05.07.2018

Das Musical „Rock of Ages“ läuft noch quasi außer Konkurrenz bis zum Saisonende, aber in dieser Woche schon geht nach zwölf Jahren die Ära von Operndirektor Matthias Kaiser zu Ende. Heute steht die letzte Aufführung seiner 39. und letzten Inszenierung auf dem Spielplan: der gelungen ambitionierte Abend mit „Die glückliche Hand“ (Schönberg), „Carmina Burana“ (Orff) und Neuer Musik von Gerhard Stäbler. Die im freien Verkauf für 12. Juli angesetzte Vorstellung wurde mangels Zuschauer abgesagt. Kein schönes Finale.

Sang- und klanglos aber wird das Ulmer Musiktheater unter Kaiser nicht aus dem Bewusstsein verschwinden. Im Gegenteil. Als 2006 Andreas von Studnitz an den Karajan-Platz kam, war er dezidiert als ein Schauspiel-Mann zum Intendanten gewählt worden, um diese Sparte zu stärken. Das erste Augenmerk galt nicht der Oper. Dafür brachte von Studnitz Matthias Kaiser mit, einen gelernten Dramaturgen aus Saarbrücken, der dort als Operndirektor auch selbst inszenierte.

In Ulm aber prägte Kaiser als Regisseur mit großem Fleiß den Spielplan und die Bühnenästhetik. Und mit Erfolg, obwohl die Oper nicht mehr die Zahlen aus der Zeit von Intendant Ansgar Haag und Klaus Rak verbuchen konnte. Kaisers präsente, vertraute Regie-Handschrift freilich hat auch manche Inszenierung in den Augen des Publikums zuletzt berechenbar gemacht. Igor Folwill war die zweite feste, solide Regie-Größe im Großen Haus: fürs Barocke bis zur Spiel-Oper, von „Ariodante“ bis zum „Wildschütz“. Junge, erfrischend mutige Zugriffe wie Antje Schupps „Cosí fan tutte“ blieben selten.

Programmatisch, mit einem Werk des 20. Jahrhunderts, startete Operndirektor Kaiser 2006: mit dem „Wozzeck“ von Alban Berg. Er inszenierte damals mit einem fast runderneuerten Ensemble, zu dem der bis heute beeindruckende Kwang-Keun Lee in der Titelpartie gehörte, das Musikdrama: handwerklich souverän, in einem durchdachten Realismus ausdrucksvoll, stets mit psychologischem Ansatz das Innenleben der Figuren erkundend. Nichts aufgesetzt Spektakuläres, keine neue Sicht auf den „Wozzeck“, aber Werktreue hatte in einer exakten Personenregie auch keinen konservativ-fahlen Beigeschmack. Starke Bilder, genau ausgespielt. Ein Musiktheater, das hinterfragt, ohne Heimeligkeit.

So blieb das zwölf Jahre lang: verlässlich gut. Wobei die Bühnenoptik immer auch starke Akzente setzte: das verrottete Schwimmbad in „Elektra“ (Detlev Beaujean), die Baustellen-Szenerie mit Bagger in „Don Giovanni“ als sarkastischer Kommentar auf die Situation der Ulmer Theaterschaffenden (Marianne Hollenstein) oder auch die faszinierende Zirkusarena in „Lulu“ (Beaujean). Die Kostüme entwarf oft Kaisers Frau Angela C. Schuett.

Zunehmend mit Gastsängern

Bergs „Lulu“ mit Maria Rosendorfsky in der Titelpartie und Timo Handschuh als Dirigent, der mit den Philharmonikern atonalen Belcanto aufführte, gehörte zu den Glanzpunkten der Ära Kaiser. Wie er überhaupt ein überzeugendes Bekenntnis zur Moderne ablegte: Poulencs „Dialogues des Carmelites“ zählte zu den Großtaten. Und mit musiktheatralischer Konzept-Kunst scherte er aus der Konvention aus, von „7 Klangräume“, choreografiert zu Musik von Georg Friedrich Haas und Mozart, bis zu einem Cage-Abend.

Abendfüllende Uraufführungen waren selten, Stäblers Einstein-Oper „Erlöst Albert E.“ und Alexander Balanescus „Treibgut“ sind zu vermelden. Auch die Operette spielte im Großen Haus keine große Rolle, dieses Genre pflegte Benjamin Künzel, ausgrabend, im Podium. Dafür hatte das Musical Konjunktur: „Jesus Christ Superstar“ (Regie: Werner Pichler) war 2008 der erste Kassenschlager der Intendanz von Studnitz und rockte dann auch die Wilhelmsburg, wo mithilfe von Sponsor Walter Feucht mehrere groß aufgezogene Erfolgsproduktionen wie „Hair“ und „West Side Story“ folgten.

Im Verein mit seinen zwei Generalmusikdirektoren, bis 2011 war James Allen Gähres Musikchef, brachte Kaiser eine Reihe von Werken heraus, in denen das Haus an seine Leistungsgrenze ging – und umjubelt darüber hinaus. Vom „Rosenkavalier“, dem „Trittico“ bis zu den Wagner-Ereignissen „Tannhäuser“, „Rheingold“ und „Lohengrin“. Das gelang auch deshalb, weil das Theater Ulm zunehmend auf Gastsänger setzte. Von einem Ensemble konnte so zuletzt kaum noch die Rede sein, man hätte sich auch gewünscht, das eine oder andere Sängertalent mehr erleben zu dürfen, das von Ulm aus eine Karriere beginnt. Trotzdem hatte das Publikum allen Grund, auch vertraute Lieblinge wie die Mezzosopranistin I Chiao Shih zu feiern, unvergesslich etwa als Octavian im „Rosenkavalier“.

Wer alle Programmhefte ausbreitet und die zwölf Kaiser-Jahre Revue passieren lässt, staunt über eine ungeheure Vielfalt an Musiktheater. Die Ärgernis-Quote ist ziemlich gering. Man darf es, bilanzierend, klar sagen: Der Operndirektor hat mit den GMDs, mit seinem Team, dem Ensemble, dem Chor, den Philharmonikern bewiesen, dass das Theater Ulm nur tariflich ein C-Haus ist. Die Qualität ist eindeutig B.

Die letzte Aufführung

Auf der Bühne Heute, 20 Uhr, zeigt das Theater Ulm letztmals das Musiktheater „Die glückliche Hand/ Dahinströmen, singend/ Carmina Burana“. Danach werden die Ensemblemitglieder Hans-Günther Dotzauer, Tomasz Kaluzny, Kwang-Keun Lee, Edith Lorans, Rolf Ellersiek (Chor) sowie Matthias Kaiser verabschiedet.

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