Ulm Die Bahn ist mal ihrer Zeit voraus

Ulm / HANS-ULI THIERER 28.09.2015
„4. Dezember 2021: Halten Sie sich diesen Termin mal frei.“ Aufforderung des Stuttgart-Ulm-Bahnprojekt-Vorsitzenden an den Ulmer (Noch-)OB.
Am Alb-Abstiegstunnel lässt sich nachvollziehen, wie gut der Neubau der ICE-Strecke läuft, sagt Stefan Kielbassa. Er ist beim Bahnprojekt Stuttgart-Ulm der für den Abschnitt von der kontinentalen Wasserscheide auf der Albhöhe bis unten an der Donau in Ulm zuständige Projektingenieur. Kielbassa stellte dem Ulmer Gemeinderat jetzt das Anfang September fertiggestellte 40 Meter tiefe und zehn Meter hohe Tunnelportal unterm Kienlesberg vor, aus dem und in das nach Fertigstellung der Neubaustrecke die ICE von und nach Stuttgart rollen. Er ließ am Rande fallen, man sei beim Albabstiegstunnel einen Monat voraus.

Dieser sechs Kilometer lange Durchstoß unter der Schwäbischen Alb von Dornstadt nach Ulm in zwei Tunnelröhren – und also einer Gesamt-Tunnellänge von zwölf Kilometern – wird in zwei großen Abschnitten gebaut. Unterhalb von Lehr befindet sich im Lehrer Tal die Großbaustelle für den sogenannten Zwischenangriff, von dem aus es in beide Richtungen geht; gebaut wird außerdem von Dornstadt her, im nördlichen Tunnelteil also in beide Himmelsrichtungen.

Der Durchstich dort soll im Mai 2016 erfolgen. Der Abschnitt Richtung Süden wird von Lehr aus nur in eine Richtung vorangetrieben. Licht am Ende des Tunnels am Ausgang unterm Kienlesberg soll ein Jahr später erscheinen, im April 2017. Das Portal-Betonbauwerk dort zeigte sich den Stadträten und OB Ivo Gönner beim Besichtigungstermin also noch verschlossen.

Das durch politischen Streit, der in die erste Volksabstimmung im Land mündete, immer wieder verzögerte Gesamtvorhaben Stuttgart-Ulm „brummt jetzt“, sagte Georg Brunnhuber, Vorsitzender des unterstützenden Vereins. Er ist optimistisch, dass der neue Fahrplan für Gesamtkosten und Fertigstellung eingehalten wird. Demnach soll der erste ICE fahrplanmäßig am 4. Dezember 2021, einem Samstag, auf der Neubaustrecke fahren.

OB Gönner, der dann längst im Ruhestand ist, zumindest im politischen, riet Brunnhuber, sich den Termin vorzumerken. Angesichts der Verdienste um die Durchsetzung von Stuttgart-Ulm, die Ulm sich erworben habe, sei eine Jungfernfahrt ohne Gönner undenkbar.

Brunnhubers Zuversicht speist sich aus den jüngsten Entwicklungen. Man sei, sagte Manfred Leger, Chef der DB Projekt Stuttgart Ulm, an einzelnen Bauabschnitten bis zu fünf Monate voraus. „Zudem sind wir im Rahmen aller Budgets.“

Info

Vom 17. Oktober an werden auf den Baustellen im Lehrer Tal und in Dornstadt Baustellenführungen angeboten. An jedem zweiten Samstag im Monat besteht insbesondere für Einzelpersonen die Möglichkeit, Einblicke in das Projekt zu gewinnen und sich ein eigenes Bild von der Baustelle zu machen. Die Führung kostet 12 Euro (ermäßigt 8 Euro). Teilnehmer müssen mindestens 14 Jahre alt sein. Anmeldung (erforderlich): Baustellenfuehrung@turmdforum.de

Ein Kommentar von Hans-Uli Thierer: Können wir doch noch groß?

Wie denn? Wo denn? Was denn? Im falschen Film? Jenseits von (beendeten) Streiks und so mancher Verspätung ihrer schnellen Züge, gibt es von der Bahn und ihrer ICE-Neubaustrecke jüngst immer öfter positive Nachrichten: Anders als Stuttgart 21, die Bahnhof-Tieferlegung, geht es mit der Schnellbahntrasse zwischen Plochingen und Ulm im Schnellzugtempo voran. Bahn- und Projektgewaltige berichten, die Bauarbeiten seien vielerorts den Terminfahrplänen voraus, der ganze Streckenbau laufe wie geschmiert. Wir werden am Ende in diesem Land nicht etwa doch noch Großprojekte können?

Für Frohlocken ist es Jahre zu früh. Bilanz wird gezogen, wenn der erste ICE fahrplanmäßig auf der neuen Strecke fährt und im Ulmer Hauptbahnhof einrollt oder ihn Richtung Stuttgart verlässt. Der Termin, 4. Dezember 2021, ist angesichts dessen, dass das Projekt ewig und drei Tage brauchte, bis es anrollen konnte, eh kein Ruhmesblatt. Zudem steht bei der Überwindung der Höhen der Schwäbischen Alb in kilometerlangen Tunnels den Ingenieuren und Arbeitern vom Bau noch manche Unwägbarkeit ins Haus.

Dennoch: Wer die mühselige Geschichte des Milliardenprojekts Stuttgart-Ulm, dessen Vollendung vorerst die größte infrastrukturelle Herausforderung im Südwesten bleibt, verfolgt hat, stellt nun in einem Mix aus Erstaunen, Ver- und Bewunderung fest: Es geht doch noch etwas in diesem Land – ja sogar, wenn dieses Etwas groß ist.

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