Ulm / Von Amrei Groß

Sommer auf der Schwäbischen Alb. Ein Motorradfahrer kracht auf einer kurvenreichen Landstraße in die Leitplanken. Der Stahl, der den Mann davor schützte, von der Fahrbahn abzukommen, hat ihm ein Bein abgetrennt. In Situationen wie diesen ist eine schnelle Hilfe lebensrettend.

„Bis heute sterben zwei von drei Menschen nach Unfällen an Blutungen“, sagt Prof. Thomas Wirth, Präsident der Deutschen Traumastiftung mit Sitz in Ulm. Dabei gebe es eine einfache Möglichkeit der Hilfe: Seit über zehn Jahren setzt die Bundeswehr sogenannte Torniquets ein, ein spezielles Abbindesystem zur Unterbrechung des Blutflusses in Venen oder Arterien. In Verbindung mit einem Notfallverband, der Druck auf die blutende Wunde ausübt, entsteht ein effektives System, um Verletzte im Einsatz zu versorgen. Auch der professionelle Rettungsdienst setzt seit einigen Jahren darauf.

Beim Abbiegen ist am Montagvormittag in Ulm ein Auto mit einer Straßenbahn zusammengestoßen. Dabei wurde eine Person leicht verletzt.

Aber: „Bislang sind diese medizinischen Produkte nicht in der Fläche verfügbar“, sagt Wirth. Dies soll sich nun ändern: Auf Ini­tiative der Deutschen Traumastiftung hat der Medizinprodukte­hersteller IVF Hartmann die „Ulmer Trauma-Box“ entwickelt, die künftig Laien zu Lebensrettern machen soll. „Unser Ziel ist es, dass ähnlich wie Defibrillatoren gegen Herz-Kreislauf-­Stillstand überall im öffentlichen Raum Trauma-Box-Spender aufgestellt werden“, sagt Prof. Matthias Helm, Leiter der Notfallmedizin am Bundeswehrkrankenhaus, der das Projekt zusammen mit seinem Kollegen Florian Gebhard von der Uniklinik initiierte.

Hier probiert Oberbürgermeister Gunter Czisch einen Notfall-Druckverband aus:

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Kinderleichte Anwendung

In Bahnhöfen, Flughäfen, an öffentlichen Plätzen, in Einkaufszentren und in Unternehmen bereitgestellt, könne die Trauma­-Box von jedermann genutzt werden, um effektiv Erste Hilfe zu leisten, bis Arzt oder Rettungsdienst eintreffen.

Das System ist kinderleicht zu nutzen: Mit einem Handgriff kann der Spender geöffnet werden. In seinem Inneren steckt der Trauma-Box-Beutel mit einem Tourniquet sowie einem Druckverband, „der viel besser ist als das, was man traditionell in Kfz-Verbandskästen findet“, sagt Wirth.

Zeichnungen auf der Verpackung erklären, wie mit beiden Produkten eine lebensbedrohliche Blutung gestoppt werden kann. „Ich drehe solange zu, bis die Wunde nicht mehr blutet“, erklärt Helm die Anwendung der Torniquets. „Das kann jeder Laie.“ Der Notfallverband bringe zusätzlichen Druck auf die Wunde. Beides bleibe am Patienten, bis der Rettungsdienst eintreffe.

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Mittelfristig in jedem Erste-Hilfe-Kasten

ÖPNV: Spätestens Ende des zweiten Quartals soll die Ulmer Trauma-Box auf den Markt kommen. Laut OB Gunter Czisch wird die Stadt zu den ersten Kunden gehören: „Wir werden alle Busse der SWU damit ausrüsten.“

Pkw: Mittelfristig sollen die Trauma-Box-Beutel in jedem Verbandskasten zu finden sein. Prof. Matthias Helm geht jedoch davon aus, dass dies noch „ein paar Jahre“ dauern werde – denn dazu muss eine DIN-Norm geändert werden.

Preis: Was die Ulmer Trauma-Box kosten wird, steht gegenwärtig noch nicht fest. Helm geht jedoch davon aus, dass der Preis „deutlich“ unter den Kosten für eine Blutkonserve bleibt. Das sind etwa 100 Euro.