Allein an einem Tag Ende Januar sind 30 neue Flüchtlinge in der Römerstraße angekommen. Aktuell sind in Ulm nun 421 Flüchtlinge, von ihnen wohnen 320 in der Gemeinschaftsunterkunft am Kuhberg, 101 in Wohnungen im Stadtgebiet. Diese Zahlen sind bei einem Pressegespräch an der Römerstraße genannt worden. Anlass war, Bilanz zu ziehen nach dem ersten Jahr des neuen Flüchtlingsaufnahmegesetzes (FlüAG), das im Januar 2014 in Kraft getreten ist. Eingeladen hatte das Diakonische Werk. In der Römerstraße ist die Diakonie seit 17 Jahren für die psychosoziale Beratung der Asylbewerber zuständig.

"Es ist ein Urauftrag von Diakonie, für verfolgte, bedrohte und traumatisierte Menschen einzutreten", beschrieb Dieter Kaufmann, Oberkirchenrat der württembergischen Landeskirche und Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werks, das Schutzgebot für Fremde, zu dem die Bibel verpflichte und "dem wir uns stellen, so gut wir können".

Deshalb begleiteten "Diakonie und Kirche in Württemberg die Flüchtlingsaufnahme im Land kritisch und konstruktiv". Das seit 2014 geltende FlüAG "begrüßen wir sehr", sagte Kaufmann. Denn die Grundausrichtung stimme: eine möglichst dezentrale Unterbringung, das Umstellen von Sach- auf Geldleistungen und Standards in der Flüchtlingssozialarbeit seien richtig. Allerdings "in der konkreten Umsetzung des Gesetzes ist noch Luft nach oben", formulierte Kaufmann die Kritik von Seiten der Diakonie. Eine Erklärung für die Schwierigkeiten in der Umsetzung sei die stark gestiegene Zahl der Flüchtlinge, aber dennoch müsse man darauf achten, die "positiven Ansätze nicht zu verwässern".

Konkret nannte der Diakonie-Chef einige Punkte, an denen Verbesserungen nötig wären. Beispielsweise bei den Sprachkursen: Hier sollte die Pauschale von 90 Euro pro Asylbewerber "mindestens verdreifacht werden", damit jeder die deutsche Sprache lerne, was ein Schlüssel zur gelingenden Integration sei.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft für Kaufmann die zu geringe Zahl der Flüchtlingssozialarbeiter: Derzeit liege der Betreuungsschlüssel bei 1:150. Die Diakonie fordert mehr Personal, um einen "angemessenen" Schlüssel von 1:80 bis 1:100 zu erreichen.

Als positiv wertete Kaufmann die Lockerung des Arbeitsverbots und der Residenzpflicht für Asylbewerber durch den Bund: "Durch Arbeit wird die wirtschaftliche Selbstständigkeit unterstützt." Schließlich brächten viele Flüchtlinge berufliche Qualifikationen mit.

Er lobte darüber hinaus das Engagement von unzähligen Ehrenamtlichen in Freundes- und Helferkreisen, die in vielen Kommunen im Land entstehen.