Musik Diademus-Festival Roggenburg: Lustvolle Suche

Ein Star an der Blockflöte: Stefan Temmingh in Roggenburg.
Ein Star an der Blockflöte: Stefan Temmingh in Roggenburg. © Foto: Matthias Kessler
Roggenburg / Von Burkhard Schäfer 28.08.2018

Paul McCartney ist beileibe kein barocker Komponist. Gleichwohl gehörten die ersten Takte im Eröffnungskonzert zum diesjährigen Diademus-Festival ihm und seinem Beatles-Hit „Yesterday“. Warum das für den – unter dem Motto „Komponist gesucht! Vivaldis ‚Jahreszeiten‘ mal anders“ stehenden – Nachmittag in mehr als nur einer Hinsicht passend war, erläuterte Countertenor Benno Schachtner, der Intendant des Festivals: Die wohl berühmteste, auf jeden Fall aber am meisten gecoverte Melodie der Pop-Ge­schich­te stamme gar nicht von McCartney. Der habe sie sich mehr oder weniger unbewusst von Sergei Rachmaninow „ausgeborgt“. Dem Erfolg des Songs tat das bekanntlich keinen Abbruch.

Und Vivaldis „Vier Jahreszeiten“-Zyklus? War der Hit des Barock-Zeitalters und wurde wie „Yesterday“ unzählige Male gecovert, auch damals schon, als sich noch niemand um Begriffe wie „geistiges Eigentum“ und „Urheberrecht“ scherte. Genau in diese „wilde“ Zeit katapultierte das Konzert seine vielen Zuhörer, die sich bei angenehmen Temperaturen im Innenhof des Roggenburger Klosters versammelt hatten.

Es klingt lebendig, nicht alt

Dass die Zeitreise und Komponisten-Suche zum optisch-akustischen Abenteuer gerieten, dafür sorgten Star-Blockflötist Stefan Temmingh und „The Gentlemen’s Band“ (Péter Barczi, Barockvioline; Domen Marincic, Cello; Tobie Miller, Drehleier; Axel Wolf, Laute; Wiebke Weidanz; Cembalo). Zum Auftakt präsentierte die „Band“ eine buchstäblich unerhörte Version des „Frühlings“, die der heute weitgehend vergessene französische Komponist Nicolas Chédeville alias „Il Pastor Fido“ einst rotzfrech unter Antonio Vivaldis Namen herausgegeben hatte.

Im damaligen Frankreich war alles Pastorale und Bukolische schwer in Mode. Um diesen Trend zu bedienen, integrierte Chédeville kurzerhand die Flöte und Drehleier in „sein“ Werk. Diese beiden Instrumente – Temmingh spielte in allen drei Sätzen eine andere Blockflöte – waren es denn auch, die dem französischen Hirten-„Frühling“ seinen ganz besonderen Charme verliehen.

Dass die heute kaum noch anzutreffende Drehleier eine mechanische Geige mit Drehrad statt Bogen und ein Mittelding zwischen Violine und Cembalo ist, erläuterte Tobie Miller dem Publikum. Und Schachtner hatte nicht zu viel versprochen: Diese Musik aus längst vergangenen Zeiten klang nicht alt, sondern unglaublich lebendig.

Die nächste Station der Komponistensuche markierte die „Sonata Sesta“ für Flöte, Cello und Laute, als deren Autor heute Johann Adam Reincken gilt. Damals war das Werk unter anderem Michelangelo Rossi, Henry Purcell, Robert King und Johann Sebastian Bach zugeschrieben worden. Was lernen wir daraus? Dass wir mehr unseren Ohren als den „großen“ Namen vertrauen und ergo die Musik schlicht und einfach genießen sollten. Genau aus diesem Geiste heraus präsentierten die Musiker das Werk und ernteten dafür einen besonders begeisterten Applaus.

Beim folgenden Stück, der Georg Philipp Telemann zugeschriebenen Toccata in A-Dur von Pierre Prowo für Cembalo, konnte Wiebke Weidanz ihre große Klasse zeigen. Weiter ging’s mit einer echten „Koproduktion“ – wie man heute vermutet – von Bach-Vater und -Sohn Carl Philipp Emanuel: „Trio Sonata in d-Moll“ für Flöte und Cembalo, bei der Temmingh und Weidanz ihre Finger tanzen und die Funken sprühen ließen.

Zum tollen Abschluss stand nochmals Nicolas Chédeville auf dem Programm: Für sein Concerto „Les Plaisirs de l’Été“ (Original von Vivaldi) versammelten sich alle Musiker auf der Open-Air-Bühne. So schloss sich der Kreis und die Begeisterung im Publikum war groß. Ganz klar: Diademus hat sich in den drei Jahren seines Bestehens zu einem echten Festival-Juwel gemausert.

Die nächsten Konzerte des Festivals

Am Freitag 19 Uhr „Nachtaktiv“, Lesung & Improvisation; 20:45 Uhr: „Moment mal – das kenn ich doch?!“ Intertextualität in der Musik der frühen Neuzeit; Ort: Refektorium.

Am Sonntag 16 Uhr Abschlusskonzert „Pasticcio – Ein Oratorium“, Werke von Bach, Händel, Telemann u.a., Ort: Klosterkirche Roggenburg.

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