Roman Zweiter Roman der Ulmer Schriftstellerin Sibylle Schleicher

Sibylle Schleicher bringt ihren zweiten Roman heraus.
Sibylle Schleicher bringt ihren zweiten Roman heraus. © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / Magdi Aboul-Kheir 27.02.2017

Die schwierigsten Reisen führen zu einem selbst. Dabei hat die Reise von Hannah als Flucht begonnen, nicht als Sinnsuche: Die Schauspielerin hat ihren Liebhaber – versehentlich, vermeintlich? – getötet und überstürzt die Einladung zu einem Casting in der Ukraine angenommen.

So beginnt die Handlung von „Der Mann mit dem Saxofon“, der zweite Roman von Sibylle Schleicher, der jetzt bei Klöpfer & Meyer erschienen ist. Der Kniff: Die Story wird aus doppelter Pers­pektive erzählt wird. Eigentlich ist Hannah schon wieder auf der Heimreise: Sie sitzt im Flieger, liest in ihrem Tagebuch und lässt die vergangenen  Wochen Revue passieren – wie die unmittelbaren Tagebucheinträge von ihren Reflexionen und  (Selbst-)Erkenntnissen abweichen, hat seine reizvollen Aspekte.

Hannah kommt also in der Ukraine am polyglotten Filmset eines Hollywood-Regisseurs an – wo man sie für einen deutschen Kinostar hält, dabei hat sie immer nur in Stadttheatern gespielt. Aber sie bekommt die Rolle.

Der Film soll die mehr oder minder wahre Lebensgeschichte eines jüdischen Chemikers erzählen – der im Hintergrund als Produzent mitmischt. Während Hannah die meiste Zeit mit Warten verbringt, lernt sie den älteren Aaron kennen: einen saxofonspielenden Lebenskünstler, der das Grab seines Vaters sucht. Bald können die beiden nicht mehr voneinander lassen. Und machen sich auf einen Weg  . . .

Anziehung und Abstoßung, Geschichte und Gegenwart: „Der Mann mit dem Saxofon“ ist ein tragikomischer Roman mit gewichtigen Themen. Um Identität geht es, um Erinnerung, vor allem um die Suche nach Wahrheit.

Sibylle Schleicher ist in Ulm natürlich ein bekannter Name: Bis 2015 hat sie zum Schauspiel-Ensemble am Theater gehört. 1960 in der Steiermark geboren, studierte sie in Graz und kam nach Engagements in Österreich, Darmstadt, Bielefeld, Kiel und Berlin nach Ulm,  wo sie 13 Jahre lang auf der Bühne stand.

Sie schreibt aber auch schon lange, bereits 1994 war ein Gedichtband erschienen („ungefunden“), 2000 ihr erster Roman „Das schneeverbrannte Dorf“. Nun also „Der Mann mit dem Saxofon“, wobei die Entstehung weit zurückreicht.

Tatsächlich war Sibylle Schleicher 1997 selbst überraschend zu einem Film-Casting nach Lemberg eingeladen worden, für Francesco Rosis „Die Atempause“. Am Set der internationalen Co-Produktion herrschte ein derartiges Chaos, dass sie sich dachte: „Das muss ich mal verbraten.“

Jahre später stieß sie auf eine wahre Geschichte, die sie nicht mehr losließ. Sie hatte einen älteren, in der Ukraine geborenen österreichischen Juden kennengelernt, der nach dem Grab seines Vaters gesucht und es durch einen irren Zufall gefunden hatte; der Vater war 1943 erschossen und in einem Massengrab verscharrt worden. „Eine makabre Geschichte, die man nicht erfinden kann“ – und die Schleicher mit ihrer Filmstory verband.

Sechs Jahre recherchierte und schrieb sie, geradezu „uferlos“. 2010 war das Manuskript fertig, 650 Seiten stark. Oder wie Verleger Hubert Klöpfer sagte: „Viel zu dick. Dafür sind Sie zu unbekannt.“ Das Werk wanderte in die Schublade, dann machte sie sich wacker ans Kürzen. 410 Seiten hat das Buch nun, und tatsächlich: „Es ist viel besser geworden.“

Trotz der realen Inspiration sei es nicht autobiografisch, betont Sibylle Schleicher. Ihr Theater-Leben durchdringt den Roman aber, ebenso gibt es Zitate aus Film und Literatur.  Gerade die K.u.K-Kultur, osteuropäische, besonders russische Autoren sind ihr „wichtig und nah“.

Und wie fühlt sich das Schreiben für eine an, die auf der Bühne so viele Charaktere mit Leben erfüllt hat? „Gar nicht so ganz anders als das Figurenfinden und Rollenausfüllen.“ Der große Unterschied: „Man hat Ruhe, Zeit, und man ist dabei allein.“ Es sei toll, „eine eigene Welt zu erfinden“. Mit der Schauspielerei habe sie aber nicht abgeschlossen. „Es ist gut, aus der Mühle draußen zu sein. Doch den Beruf liebe ich!“

Derzeit bearbeitet Sibylle Schleicher ihren ersten Roman für die Bühne: Im Herbst kommt „Das schneeverbrannte Dorf“ am Theater Ulm heraus. Jetzt steht aber „Der Mann mit dem Saxofon“ im Mittelpunkt. Außer im Theater Ulm am 19. März sind schon weitere Lesungen (Leipzig, Innsbruck, Wien) geplant.

Im Kopf arbeitet sie an der nächsten Geschichte, sie dreht sich um ihre verstorbene Zwillingsschwester – Sibylle Schleicher ist mit 13 Geschwistern aufgewachsen, neun davon leben noch. Und vielleicht warten dazu reizvolle Rollen. Sibylle Schleicher würde gern eine gute Mischung aus Spielen und Schreiben finden: „Ich brauche beides.“

Lesung im Theater Ulm

Buchpräsentation Sibylle Schleicher liest am  Sonntag, 19. März, 11 Uhr, im Foyer des Theaters Ulm aus ihrem Roman – unter Mitwirkung der Schauspieler Ulla Willick und Karlheinz Glaser sowie Florian Ludwig (Tenorsaxofon) und Tobias Rägle (Alphorn). Es moderieren Nilufar Münzing und Annette Maria Rieger.

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