Hooligans SSV Ulm 1846 Fußball: Der Verein darf nicht wegschauen

Ulm / Ulrike Schleicher 09.06.2018

Nach den Ausschreitungen einer Gruppe von Ulmer Hooligans im Zug nach dem erfolgreichen Pokalfinalspiel des SSV Ulm gegen den TSV Ilshofen haben sich inzwischen weitere Zeugen gemeldet, sagte die Sprecherin der Bundespolizei auf Anfrage. Wie berichtet, hatten die Männer nach dem vom SSV gewonnenen Finale in einem Abteil des Zuges antisemitische, frauen- und ausländerfeindliche Parolen geschrien und den Hitlergruß gezeigt.

„Für alle war die Situation beängstigend“

Im Abteil saßen nach Angaben einer 53-jährigen Ulmerin neben mehreren dunkelhäutigen Fahrgästen, ein Ehepaar aus Spanien und ein Paar mit Baby. „Für alle war die Situation mehr als beängstigend“, sagte die Frau. Da an diesem Abend viele den Zug nach Ulm über Aalen nahmen – die Hauptstrecke war zum Teil gesperrt – dauerte die Horrorfahrt rund vier Stunden.

Der Vorstand des SSV hat sich einen Tag nach der Berichterstattung in der SÜDWEST PRESSE von den berichteten Vorkommnissen und beteiligten Personen „absolut distanziert – für den Fall, dass sich diese so ereignet haben“, heißt es in der Pressemitteilung. Ansonsten  warte man jetzt die Ermittlungen der Bundespolizei ab.

Inzwischen haben sich weitere Fahrgäste bei der Zeitung gemeldet und ihre Eindrücke geschildert. Darunter ein Mann, der selbst seit Jahren eingefleischter SSV-Ulm-Fan ist und der im selben Zugabteil saß wie die 53-Jährige. „Ich kann die Vorkommnisse, die die Frau beschreibt, nur leider bestätigen“, schreibt er. Neben „Sieg Heil-Rufen“ habe die Fan-Gruppe Lieder mit „eindeutig rechtsextremen“ Inhalten gesungen.

Leider sei ihm seit Jahren bekannt, „dass es eine, gerade bei ‚Problemspielen‘ stärker auftretende Gruppe gibt, die eindeutig der rechten Szene zuzuordnen ist“, beschreibt der Mann seine Erfahrung. Aber diese Haltung treffe nicht auf die gesamte, aktive Szene zu: „Nicht jeder, der im Ulmer Fanblock steht und auch aktiv teilnimmt, gehört zu dieser rechten Szene.“

Auch eine 60-jährige Ulmerin  wollte an dem Abend nach Ulm fahren und stieg in den Zug am Stuttgarter Hauptbahnhof ein. Sie sei noch immer schockiert, sagt sie im Rückblick auf das Erlebte. Schon in Stuttgart sei die Situation im Zug unerträglich gewesen. Die Ulmer Fans hätten die anderen Fahrgäste bedrängt, „ein paar haben einen dunkelhäutigen Mann umzingelt, der sichtlich Angst hatte“, erzählt sie.

Noch bevor der Zug überhaupt losgefahren sei, habe einer der betrunkenen Fans die Notbremse gezogen. Die Folge: „Die Türen gingen nicht mehr auf, wir saßen mit denen in der Falle“, sagt die Ausbilderin für Pflegeberufe. Sie habe solche Panik gehabt, dass sie über den Notruf die Polizei alarmieren wollte, weil im Zug weder ein Schaffner noch irgendwelche Beamte zu sehen gewesen wären. Nur: „Wir hatten gar kein Netz.“ Die 60-Jährige hat einen Brief an den SSV-Vorstand geschrieben: „Ein Verein kann nicht sagen, das geht mich nichts an, was da Leute im Zug machen.“ Bislang sei sie Fan der Mannschaft gewesen. „Jetzt bin ich nur noch entsetzt.“

Eine 28 Jahre alte Ulmerin, die in Aalen einstieg, wo die Bahn für die nach Ulm Reisenden  noch weniger Triebwagen bereit hielt, wähnte sich zunächst in einer Kneipe mit grölenden, aggressiven Betrunkenen. „Viele haben geraucht.“ Abgesehen davon sei das Gedränge unerträglich gewesen. Sie habe sich gefragt, wie Polizei und Bahn die Situation so eskalieren lassen konnten. „Jeden Moment hätte jemand ausrasten können.“ Die Gesänge und Parolen bezeichnet die Theaterwissenschaftlerin als frauenfeindlich, diskriminierend und grenzwertig rechtsradikal. Einige der Fußball-Fans hätten sich jedoch auch anständig verhalten.

Eine 23-Jährige, die in Heidenheim eingestiegen war, wurde von allen Seiten „angemacht und angepöbelt“, erzählt sie. „Ich habe die Situation als Frau bedrohlich empfunden.“ Vor allem auch, weil niemand eingegriffen habe.

Die Ermittlungen der Bundespolizei laufen noch, sagte die Sprecherin auf Anfrage. Die Zeugen würden jetzt nach und nach befragt. Neben dem strafbaren Hitlergruß, den antisemitischen, schwulen-, frauen- und ausländerfeindlichen Beleidigungen, soll am Zug Sachschaden in Höhe von mehreren Zehntausend Euro entstanden sein.

Bahn nennt Schadenshöhe nicht

Die Bahn selbst will sich dazu aber nicht äußern, wie der Sprecher in Stuttgart auf Anfrage sagte. Stattdessen: „Wir sind in einem konstruktiven Gespräch mit der Stadt und dem Verein.“ Das Unternehmen, das das Pokalfinalspiel gesponsert hat, war nach den Ausschreitungen von Fans kritisiert worden: Die Zugfahrt sei trotz Absprachen schlecht organisiert worden.

Auch ein langjähriger Fan hat  an den SSV-Fußballverein geschrieben. Er schätze die Arbeit des Vorstands sehr, aber: ... „seit 15 Jahren sehe ich immer dasselbe, absolut trostlose, provinzielle Bild: 20 bis 30 Ultras, 40 bis 60 Hooligans.“ Er frage sich, was aus dem von Vorstand Thomas Oelmayer im Jahr 2014 angestoßenen und groß angelegten Fanprojekt geworden sei.

Auch die 53-jährige Ulmerin  hat sich inzwischen schriftlich an den SSV gewandt. Denn: „Der Verein darf sich nicht wegducken“. In dem Brief heißt es: „Ich erwarte, dass Sie diesen Vorfall unbedingt ernst nehmen, sich nach außen klar und deutlich auf die Seite der Belästigten stellen,  – denen es natürlich nicht darum geht, den SSV schlecht zu reden –, und durch intensive Fanarbeit solche Auftritte verhindern. Diese haben ja nichts mit etwas aus dem Ruder gelaufener Sportbegeisterung zu tun, es geht um Gewaltbereitschaft und Menschenverachtung, und darum, diesen keinen Platz zu geben.“

Wie die Stadt sich auf Randalierer vorbereitet

Absprachen Das Ordnungsamt der Stadt trifft sich im Vorfeld von „Risikospielen“ mit dem SSV Ulm 1846 Fußball und der Polizei, erklärt Amtsleiter Rainer Türke. Habe die Polizei Erkenntnisse, dass gewalttätige Personen anreisen, könne er ihnen ein Aufenthaltsverbot erteilen. Mit Vorfällen in Zügen wie jetzt, befasse sich der Ausschuss für Sicherheit und Sport der Stadt. „Bei der nächsten Sitzung soll ein Bahn-Vertreter kommen.“ Erst jetzt habe zudem ein Gespräch zwischen der Stadt und dem Fußballverein über die kommende Saison stattgefunden, bei dem der Vereinsvorstand weitere Schritte im Kampf gegen Randalierer angekündigt habe. Auch sei der SSV-Fußballverein in Kontakt mit der Deutschen Bahn AG.

Maßnahmen Grundsätzlich sei es schwer für die Vereine, mit gewaltbereiten „Fans“ in Kontakt zu kommen, weiß Türke. Das sei eines der Resultate einer Tagung der Landespolizei 2017, an der SSV-Vorstand Thomas Oelmayer und er teilgenommen hätten: „Alle Vereine haben das gleiche Problem. Es ist in dieser Beziehung noch viel Arbeit nötig.“

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