Geschichte Der Unheilsbote wurde in Ulm verhandelt

Dieser Merian-Stich zeigt den Winterkometen 1618 über Heidelberg.
Dieser Merian-Stich zeigt den Winterkometen 1618 über Heidelberg. © Foto: Mauritius images
ULM / Helmut Pusch 16.05.2018

Der Dreißigjährige Krieg begann am 23. Mai 1618 mit dem Zweiten Prager Fenstersturz: Die überwiegend protestantischen Prager Stände demonstrierten gegen die Verletzung ihrer Religionsfreiheit durch den katholischen böhmischen König. So lernt man das im Geschichtsunterricht.

Eine nachträgliche Festlegung, sagt der Historiker Andreas Bähr. Er hat ein höchst lesenswertes Buch geschrieben: „Der grausame Komet“. Bährs These: Die Quellenlage des Dreißigjährigen Krieges wäre bei Weitem schlechter, wenn sich nicht im Winter 1618 ein Komet am Himmel gezeigt hätte, den die Menschen als Unheilboten deuteten und dessen Erscheinen viele dazu brachte, Chronisten zu werden.

Ein zentraler Ort der Auseinandersetzung um die Bedeutung des von Johannes Kepler entdeckten Schweifsterns war Ulm. Dort deutete der „deutsche Archimedes“, der Stadtmathematiker und Festungsbauingenieur Johannes Faulhaber, den Kometen als Zeichen des Weltuntergangs. Der Theologe und Superintendent Conrad Dieterich predigte am zweiten Advent 1618 im Münster über die apokalyptischen Verse des Lukasevangeliums.

Auch Männern wie Johannes Kepler, der den Winterkometen entdeckt hatte und Jahre später in Ulm seine Rudolfinischen Tafeln drucken lassen sollte, lagen solche Deutungen keinesfalls fern, erklärt Bähr. „Kepler war zwar Astronom, doch zu seiner Zeit hieß das auch, dass er astrologischen Deutungen nicht abgeneigt war.“ Daher schloss selbst Kepler aus der Bahn des Schweifsterns auf den Fortgang der Geschichte, auf Pest, Hunger und kriegerische Gewalt. Allerdings gibt er seiner Prognose mit seinen Forschungen ein mathematisches Fundament.

1619 entbrannte über Faulhabers Prophezeiungen eine Kontroverse, die als „Ulmer Kometenstreit“ in die Geschichte eingehen sollte und die sogar das lebhafte Interesse des jungen Mathematikers und Philosophen René Descartes weckte, der damals im Dienste Maximilians von Bayern stand und sich sogleich nach Ulm begab, als er von der Auseinandersetzung erfuhr.

Das Unausweichliche?

Nach einem aufsehenerregenden Kolloquium stellt Conrad Dieterich, der eine der treibenden Kräfte der Veranstaltung war, unmissverständlich klar: Wer Kometen am Himmel erblickt, solle nicht in Angst vor dem Unausweichlichem verfallen und das Feuer des Krieges anfachen, sondern endlich ein gottesfürchtiges und friedfertiges Leben beginnen, im Vertrauen auf die Gnade des Herrn.

Und abwarten und schreiben. Denn erst in der Rückschau werde sich mit Sicherheit erweisen, was das Himmelszeichen wirklich zu bedeuten hatte. Gleiches tut nach Dieterichs Kometenpredigt der Neenstetter Schuhmacher Hans Heberle. In seinem „Zeytregister“ schildert er, wie er rund 30 Mal vor dem Krieg die Flucht ergreifen muss. Eine Fundgrube für die Alltags- und Sozialgeschichte.

Und ein Beleg für Bährs These, dass der Zweite Prager Fenstersturz für die Zeitgenossen keine Rolle spielte. Denn den erwähnt Heberle mit keinem Wort, sehr wohl aber den Kometen und dass Ferdinand II., eben jener böhmische König, der den Grund für den Fenstersturz geliefert hatte und der 1619 zum Kaiser gewählt wurde, in „Böhmen ein grossen krieg angefangen habe“. Damit begann das, was der Komet im Winter 1618 verheißen hatte.

Andreas Bähr: Der grausame Komet. Himmelszeichen und Weltgeschehen im Dreißigjährigen Krieg. Rowohlt, 304 Seiten, 19.95 Euro.