Künstler Der Ulmer Künstler Hermann Geyer ist gestorben

Hermann Geyer in seinem Atelier im Elternhaus auf dem Eselsberg.
Hermann Geyer in seinem Atelier im Elternhaus auf dem Eselsberg. © Foto: Christina Kirsch
Ulm / CHRISTINA KIRSCH 01.06.2016
Der Ulmer Künstler Hermann Geyer ist im Alter von 81 Jahren gestorben. Sein künstlerisches Leben war nachhaltig durch seinen Vater Wilhelm geprägt.

„Wir haben ihn oft am Tisch skizzieren sehen“, sagt Dominik Geyer, „aber im Atelier wollte er alleine sein“. Dort, im hohen Atelier des Vaters Wilhelm auf dem Eselsberg, arbeitete Hermann Geyer an seinen Glasfensterentwürfen. Stets sah er sich dabei in der Nachfolge seines Vaters, dem er bereits in jungen Jahren zur Hand gegangen war. Das Handwerk schaute er sich bei ihm ab, aber seinen Stil übernahm er nicht. Nun ist dieses Atelier verwaist. Hermann Geyer starb am Montag im Alter von 81 Jahren. Mit ihm geht eine Künstlerdynastie zu Ende, die das kulturelle Leben Ulms lange Jahre prägte.

Hermann Geyer war ein Mensch, der das Leben und die Menschen liebte. In seiner Gegenwart hatte jeder Besucher das Gefühl, die volle Aufmerksamkeit zu genießen. „Er gab jedem Menschen eine Chance und wandte sich jedem zu“, erzählt sein Sohn Dominik. „Nur das Hohle hat ihn kalt gelassen:“ Auch von seinen Kindern erwartete Hermann Geyer, dass sie Eigenverantwortung zeigten. „Er hat uns machen lassen, aber er wollte, dass wir etwas machen“, schildert der Sohn seine Kindheit. Hermann Geyer hinterlässt mit Stefan (54), Dominik (52), Anja (50) und Sebastian (44) vier Kinder. „Bei uns Kindern ist mehr das Musische unserer Mutter durchgeschlagen“, sagt Dominik Geyer, der als Stadtplaner arbeitet. Seine Geschwister sind alle Musiker.

Hermann Geyers Elternhaus stand in der Syrlinstraße, wo der Bub als Vierter von sechs Geschwistern aufwuchs und schon als Kind zu den Buntstiften griff. Hermann Geyer bewahrte seine eigenen Kinderzeichnungen auf. Darauf sieht man 1942 Vater Wilhelm ausgestreckt auf dem Sofa beim Mittagsschlaf. Neben dem schlafenden Vater sitzt in einem Sessel Liesel Scholl. Die Geschwister Scholl, die während der Kriegszeit am Münsterplatz wohnten, gingen im Hause Geyer ein und aus. Man habe sich oft getroffen, erinnerte sich Hermann Geyer an seinem 80. Geburtstag. Davon erzählt eine andere Kinderzeichnung. Dem malenden Kind zugewandt sitzen da am Esstisch Inge, Sophie und Liesel Scholl mit durchaus erkennbarer Physiognomie.

Hermann Geyer erlebte den Krieg als ein Abenteuer, bei dem es krachte und brannte. Später machte er ein Volontariat beim Steindruckermeister Josef Blessing und in der Glaswerkstatt Derix. Es folgte ein Studium an der Münchner Akademie. Sein Vater Wilhelm durchlitt den Krieg und kam auch in Haft, weil die Geschwister Scholl zum Keller der Geyers Zugang hatten und dort die Flugblätter druckten, die den Widerstandskämpfern das Leben kosteten. Man sieht die unterschiedlichen Lebensumstände in der Kunst von Vater und Sohn. „Großvater Wilhelms Fenster hatten viel Gewicht“, sagt der Enkel. Hermann Geyer löste die Formen auf, malte fröhlicher und mit Kraft. „Auf seinen Bilder sieht man Feurigkeit“, sagt Dominik. Hermann Geyer holte seine Formen aus dem Figürlichen ins Abstrakte. Eines der bedeutendsten Werke Hermann Geyers ist das 17 Meter hohe und fünf Meter breite Fenster im hochgotischen Westchor der Oppenheimer Katharinenkirche.

Hermann Geyer war aber auch Kalligraf. Mit wenigen Pinselstrichen drückte er eine Haltung aus oder ließ die feinen Pinselhaare zu menschlichen Zehen auslaufen.

In Geyers Kunst kam  auch immer das Religiöse zu Wort. Das hatte mit seiner christlichen Sozialisation zu tun. Der Besuch der Sonntagsmessse war für die Familie Geyer auch im Nationalsozialismus eine Selbstverständlichkeit.

Geyers waren in Ulm bekannt, und so war im Hause immer etwas los. Man habe daheim  viel Besuch gehabt, erinnert sich der Sohn. Lustig sei es gewesen, und manchmal auch  anstrengend. Hermann Geyer, der die Menschen liebte, umgab sich gerne mit ihnen. Sein Sohn hat eine Metapher für Hermann Geyers letzte Tage vor seinem Tod. „Wenn man ihn am Ende seines Lebens gefragt hätte, ob noch etwas fehle, hätte er wahrscheinlich gesagt: ,Da passt kein Blatt mehr dazwischen.’“ „Ein erfülltes Leben“ ist bei Hermann Geyer keine Floskel.

Info Die Beerdigung findet am 9. Juni, 11 Uhr, auf dem Ulmer Hauptfriedhof statt. Um 14 Uhr folgt ein Requiem in St. Georg.

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