Bestattungen Der Trost der Töne

Ulm / Lena Grundhuber 11.08.2018

Wenn Christine Rädisch zur Arbeit geht, dann trägt sie Schwarz. Nicht, weil sie jemand dazu zwingen würde, sondern aus Respekt: „Ich find’s für mich selber besser, passend gekleidet zu sein.“ Denn ein großer Teil ihres Arbeitsalltags besteht darin, bei Trauerfeiern im Ulmer Hauptfriedhof die Orgel zu spielen. Seit 18 Jahren tut sie das, und sie tut es gern: „Das ist für mich das Richtige“, sagt die 52-Jährige.

Die Orgel ist für Rädisch ein faszinierendes Instrument, aber ihr Beruf beinhaltet natürlich mehr: „Ich spiele nicht für mich, sondern ich möchte den Angehörigen Trost spenden und dem Verstorbenen einen würdigen Abschied bereiten. Das sehe ich als meine Aufgabe“, sagt sie. Eine ganz besondere Aufgabe, für die man eine besondere Einstellung braucht. Christine Rädischs Einstellung lässt sich im Wort „Respekt“ vielleicht am besten zusammenfassen.

„Der Tod wird nie normal“

Was „man“ hört bei Beerdigungen ist da eigentlich schon die falsche Frage. Natürlich zählen Bachs „Air“, „Jesu, meine Freude“ oder das „Ave Maria“ von Gounod noch immer zu den Klassikern. Mit den Jahren seien neue geistliche Lieder wie „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ eingezogen, sagt Rädisch.

Vor allem kommen immer mehr individuelle Bitten. Früher mögen Pfarrer und Kirchenmusiker strenger mit der Musikauswahl verfahren sein, doch Rädisch will nicht urteilen: „Es ist mir wichtig, dass ich die Wünsche der Angehörigen erfüllen kann.“

Jeder müsse seine eigene Form finden zu trauern, sagt sie. Mag manches Stück noch so ungewöhnlich erscheinen – „oft hat es eben eine besondere Bedeutung für die Angehörigen“. Weil es das Lieblingslied der Verstorbenen war, weil die Verbliebenen Erinnerungen damit verbinden. Die Organistin hat schon den „Fischermarsch“ gespielt für ein verstorbenes Mitglied des Schiffervereins. Auf ihrer Liste ausgefallener Wünsche stehen Lieder wie „Schön ist es, auf der Welt zu sein“, „Lili Marleen“ und „Über den Wolken“. Für die Generation der Heimatvertriebenen wird auch mal das Ostpreußenlied gewünscht, und einem Verstorbenen aus Italien spielte Christine Rädisch „O sole mio“ und „Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt“.

Allerdings: Die Aufträge werden allmählich weniger, denn auch in die Aussegnungshallen sind neue Medien eingezogen. Immer öfter werden CDs eingesetzt, manche Stücke, sagt Rädisch selbst, würden auf der Orgel auch gar nicht klingen.

„Die jüngere Generation möchte mehr Musik vom Band“, sagt auch Jutta Baar vom Bestattungsdienst Baar. Viele wollten ihre Lieblingsmusik hören, und dank der Technik sei das heute ja möglich.  „Amazing Grace“, „My Way“ oder Andrea Bocellis „Time To Say Goodbye“ sind Evergreens, aber auch „So wie du warst“ von Unheilig oder Trude Herrs „Niemals geht man so ganz“. „Jede Rockband hat ein Lied, das passt“, sagt Jutta Baar – und wenn es „Highway To Hell“ ist. Das kommt ebenso vor wie Kinderlieder beim Begräbnis einer alten Dame. Immer individueller würden die Wünsche, erzählt auch die Bestatterin: „Merkwürdig finde ich mittlerweile gar nichts mehr.“ Sie sei für vieles offen, nur für eines nicht: „Rechtsradikale Musik würde ich nicht zulassen, alles muss man nicht unterstützen.“

Dem würde sicher auch Christine Rädisch zustimmen. Abschied nehmen, sagt sie, sei eben eine sensible Angelegenheit. Und so versucht auch die Musikerin, sensibel zu bleiben, ändert manchmal noch während der Trauerfeier die Musikauswahl. Der Glaube helfe ihr bei ihrem Beruf, sagt die Organistin, die außerdem Kirchenmusikerin für die katholischen Suso-Gemeinden ist. Denn zwar lasse sie die Trauer nicht zu nah an sich heran, „aber der Tod wird nie normal“. Am wenigsten, wenn er jene betrifft, die noch lange nicht sterben sollten: die Kinder. Das, sagt die Musikerin, komme zum Glück sehr selten vor.

„Wenn man das Gefühl hat, man konnte das mit der Musik richtig begleiten, dann ist das schön.“

Die Formen und Medien ändern sich, Musik an sich aber wird wohl immer wichtig bleiben im Prozess des Trauerns. „Sie kann Erinnerungen aufleben lassen und sie kann trösten“, sagt Christine Rädisch. Am Ende des Gesprächs setzt sie sich noch an die elektrische Orgel in der kleinen Aussegnungshalle – an der Pfeifenorgel in der großen ist sie etwas seltener – und spielt ein wenig. Unter anderem ihr geliebtes Adagio von Alessandro Marcello: „Ein Stück, bei dem man wunderbar zur Ruhe kommt.“ Rädisch spielt es weich, folgt dieser emotionalen Musik fast tastend, und löst sie am Ende in einem klaren Dur-Akkord auf. Ein Trost in Tönen.

Musik und Geräusch

Zu den am häufigsten gespielten Liedern auf Beerdigungen zählen laut Jutta Baar und diverser Listen „Time To Say Goodbye“, Schuberts (oder Bach-Gounods) „Ave Maria“, „Amoi seg’n ma uns wieder“ von Andreas Gabalier und „Halleluja“ von Leonard Cohen.

Unsere Sommerserie Wohin wir kommen, fast überall klingt irgendetwas. Noch nie gab es so viel zu hören wie heute – aber oft ist das alles nur Begleitmusik im wahrsten Sinne. Das Kulturgut Musik ist eben auch ein Gebrauchsartikel. Wir hören jetzt mal genauer hin und spitzen die Ohren: „Was man hört“ heißt unsere Sommerserie: Was wird eigentlich im Tanzkurs oder im Fußballstadion gespielt oder gesungen? Wie beeinflusst die Musik unsere Wahrnehmung, wenn man zum Beispiel mit dem Kopfhörer durch die Welt geht?

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