Justiz Sexuelle Belästigung: Der Täter ist untergetaucht

Symbolbild.
Symbolbild. © Foto: SWP Archiv
Ulm / Verena Schühly 15.06.2018
Sexuelle Belästigung in der Friedrichsau: Der Fall ist aufgeklärt, aber der Urheber entzieht sich seiner Bestrafung.

Diesen Nachmittag wird Katja (Name von der Redaktion geändert) nicht vergessen, obwohl der Vorfall jetzt ein Jahr her ist. Am 28. Mai 2017 war die 21-Jährige mit dem Rad auf der Rückfahrt vom  Baden am Pfuhler See nach Ulm. In der Friedrichsau, wo der Einstein-Triathlon im Gang war, wurde sie  von einem unbekannten Mann angesprochen, ob sie auch am Wettbewerb teilgenommen  habe. Die sportliche Studentin trug Radklamotten.  Der Unbekannte hatte ebenfalls ein Rennrad und fuhr neben ihr her. „So kamen wir ins Gespräch. Es kam mir am Anfang nicht komisch vor“, erzählt sie.

An der Straßenbahnhaltestelle vor der Messe bog Katja ab – der Mittvierziger blieb hinter ihr. Ebenso nach der nächsten Kreuzung. Langsam wurde es der jungen Frau mulmig. „Was will der von mir?“, fragte sie  erst sich und dann ihn.  „Daraufhin überhäufte er mich mit Komplimenten: Dass er auf große Frauen stehe und so. Das war penetrant“, erinnert sich die 1,80 Meter große Frau.

Sie erklärte ihm, dass er sie in Ruhe lassen soll: „Ich habe ihm das deutlich gesagt.“ Aber der Verfolger ließ nicht von ihr ab. Sie konnte ihn trotz erhöhter Geschwindigkeit nicht abhängen und kannte auch in der Oststadt niemanden, wo sie hätte Schutz suchen können.„Ich wollte nicht, dass er mir bis nach Hause nachfährt.“ Deshalb stoppte sie in der Stuttgarter Straße erneut.

Der Unbekannte hielt ebenfalls und legte ihr sofort die Hand auf den Oberschenkel. „Da hab’ ich ihn angeschrien, dass er mich sofort loslassen soll. Dann hab’ ich ihm mit der Faust eine verpasst.“ Die Studentin kann Selbstverteidigung und hat zugeschlagen, ins Gesicht des Verfolgers. Der Schlag zeigte Wirkung: Der Mann ließ los. Die junge Frau nutzte den Überraschungsmoment und fuhr davon, so schnell sie konnte. Der Mann blieb stehen.

Auf die Instinkte verlassen

„Katja war total fix und fertig. Sie  hat am ganzen Körper gezittert und geweint“, beschreibt ihre Mutter den Zustand, in dem die Tochter wenig später zuhause ankam. Ein Grund dafür war auch, „dass ich noch nie jemanden direkt geschlagen habe. Aber ich habe mich bedroht gefühlt und mich auf meine Instinkte verlassen“, beschreibt die junge Frau ihre damaligen Gefühle.

Die Familie verständigte sofort die Polizei. Die Beamten kamen und nahmen den Vorfall auf. Katja erstattete Anzeige gegen Unbekannt. Die Polizisten machten ihr und der Familie aber wenig Hoffnung, den Täter zu finden. So war die Studentin überrascht, als rund zwei Wochen später ein Anruf von der Polizei kam: Es sei ein  möglicher Täter gefasst, sie solle ihn anhand von Fotos identifizieren. Er war es, da gab es für Katja keine Zweifel: „Er hatte noch ein Veilchen am Auge.“

Von den Beamten hat die junge Frau auch erfahren, dass der Täter noch zwei andere Frauen belästigt haben soll. Katja stellte einen Antrag auf Strafverfolgung. Als Folge der sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht 2015/16 in Köln wurden die gesetzlichen Regelungen verschärft und mit der sexuellen Belästigung ein neuer Straftatbestand geschaffen.

Dann hörte sie nichts weiter, bis am 29. Dezember ein Brief von der Staatsanwaltschaft kam. Darin stand, dass das Ermittlungsverfahren „eingestellt“ sei. Für Katja und ihre Familie war das unverständlich. „Natürlich war klar, dass der Täter nicht ins Gefängnis kommt. Aber dass er nicht wenigstens eine Geldstrafe bekommt, ist nicht richtig. Was für ein Signal ist denn das?“, formulierte die Mutter ihren Unwillen nach dem ersten Lesen.

Eine Rückfrage bei der Staatsanwaltschaft Ulm ergibt mehr Klarheit:  „Es wurde nur ein Teil des Verfahrens eingestellt“, sagt Behördensprecher Michael Bischofberger. Und zwar der der anderen Frauen, weil es dort nicht zu einer Berührung durch den Täter gekommen sei. „Für den Straftatbestand der sexuellen Belästigung reicht es eben nicht aus, lüstern zu gucken oder anzügliche Bemerkungen zu machen. Sondern dafür ist eine körperliche Berührung in bestimmter Weise notwendig.“

Bischofberger räumt aber ein, dass die Teileinstellung im Brief der Staatsanwaltschaft „wohl irreführend formuliert“ gewesen ist. Immerhin bedeutet das: Katjas Fall ist zu Gericht gegangen. Die Familie ist froh,  das zu erfahren.

In der Zwischenzeit ist das Verfahren eine Stufe weiter – und doch eingestellt, vorläufig zumindest. Denn der Täter ist nicht mehr auffindbar. Unter der Adresse, wo er gemeldet war, ist er nicht mehr zu erreichen. Wie Michael Bischofberger berichtet, konnte dem 46-Jährigen der Strafbefehl nicht zugestellt werden: „Es wird nach ihm gefahndet.“ Die Behörden gehen davon aus, dass er sich abgesetzt hat.

Vorläufig eingestellt

Juristisch heißt es: Das Verfahren ist vorläufig eingestellt. Wie lange ist eine solche Unterbrechung möglich? Michael Bischofberger: „Irgendwann tritt eine Verjährung ein.“ Konkreter gibt er dafür einen Zeitraum von fünf bis zehn Jahren an. „Immerhin kann die Familie so weiterhin an ein funktionierendes Rechtssystem glauben“, sagt der Behördensprecher.

Für Katja und ihre Familie aber heißt es daher: Weiter warten. Die 21-Jährige sagt angesichts ihrer Erfahrungen: „Anfangs hatte ich große Angst, dass der Täter durch die Ermittlungen weiß, wo ich wohne. Diese Angst ist jetzt weg. Aber ich bin aufmerksamer geworden, insbesondere wenn mir jemand hinterherfährt.“

So steht es im Strafgesetzbuch

§184 des Strafgesetzbuchs regelt, dass sexuelle Belästigung mit körperlicher Berührung strafbar ist. Das Gesetz zur Verbesserung des Schutzes der sexuellen Selbstbestimmung trat 2016 in Kraft.

§185 des Strafgesetzbuchs war bis zu diesem Zeitpunkt ausschlaggebend. Die Handlung war nur in besonderen Fällen als Beleidigung (mit sexuellem Hintergrund) strafbar. Entscheidend war nicht, ob sich der Belästigte subjektiv beleidigt fühlte.

§177 des Strafgesetzbuchs regelt schwerere Fälle, die eine sexuelle Handlung im strafrechtlichen Sinn darstellen. Sie gelten als sexueller Übergriff beziehungsweise Vergewaltigung.

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