Ulm Der Schrecken, der bleibt: Ausstellung "Gesichter des Krieges" in Ulm

Ulm / LENA GRUNDHUBER 27.06.2014
Krieg ist nicht nur Erinnerung, sondern schreckliche Gegenwart. Das zeigt das Stadthaus in seiner Schau "Gesichter des Krieges" mit Fotografie von Anja Niedringhaus, Jan Banning und Bryan Adams.

Kinder, die im Meer planschen, am Strand steht der Panzer. Ein Junge, der Kettenkarussell fährt, in seiner Hand eine Waffe. Männer, die eine Totenwache am Straßenrand halten müssen. Frauen, die ihre Kinder aus brennenden Dörfern tragen. So sieht das aus, wenn der Krieg ins normale Leben einbricht. Sollte sie jemals anfangen, Gewalt normal zu finden, müsste sie aufhören, hat die Kriegsfotografin Anja Niedringhaus in einem ihrer letzten Interviews gesagt.

Am 4. April dieses Jahres wurde die 1965 geborene Reporterin auf dem Weg zur Wahlbeobachtung in Afghanistan erschossen. Der Gefahr, in der sie ständig schwebte, war sie sich bewusst, doch die Pulitzer-Preisträgerin hatte eine geradezu altmodische Berufsethik, sie verstand sich als Zeitzeugin: "Wenn ich es nicht fotografiere, wird es nicht bekannt" - dieser Satz steht nun auch im Stadthaus zu lesen, wo Niedringhaus "Antikriegsfotografie" zusammen mit Fotografie von Jan Banning und Bryan Adams zu sehen ist. Ja: Gemeint ist jener Bryan Adams, der nicht nur ein Rockstar ist, sondern auch ein Fotograf - und zwar nicht nur ein guter, sondern offenbar ein politisch denkender. Zur Eröffnung am Freitagabend kommt der Musiker eingeflogen.

Der Fokus im Stadthaus aber liegt nicht auf der Prominenz der Fotografen, sondern auf den Menschen, die sie in ihren Bildern zeigen. "Gesichter des Krieges" heißt die Schau, mit der das Stadthaus auf das Gedenken an den Beginn des Ersten Weltkriegs reagiert; das Attentat von Sarajevo jährt sich just am Samstag, am 28. Juni, zum 100. Mal.

"Wir haben versucht, dazu eine Haltung zu finden", sagt Stadthaus-Leiterin Karla Nieraad. Und diese Haltung heißt nicht Gedenken an eine längst vergangene Epoche, sondern sie fordert - etwas ungemütlicher - auf die Gegenwärtigkeit des Krieges in der eigenen Zeit zu schauen. Zum Einstieg dokumentiert Isao Hashimoto in seiner Installation "1945-1998" ganz sachlich die 2053 Kernwaffenexplosionen während jener Jahre auf der Welt.

"Wie gehen wir in unseren Bilderfluten mit Bildern um? Kommen sie überhaupt noch bei uns an?" Das sei ihre Leitfrage gewesen, sagt Projektleiterin Laura Schmidt. Steht man vor Niedringhaus Schwarz-Weiß-Fotografien aus Bosnien, Irak, Libyen oder Afghanistan, wirkt die Frage rein rhetorisch, denn dies hier ist alles andere als virtuell. Ihre "Gesichter des Krieges" - Niedringhaus hat sie noch selbst zusammengestellt - sind zynisch, traurig, schrecklich, aber auch hoffnungsvoll, oft sogar poetisch. Ja, es kann schön aussehen, wie die Fallschirme vom Himmel purzeln und ja, es gibt auch im Krieg kleine Mädchen, die mit ihrer besten Freundin lachen. Man bleibt vor einem Bild löchriger Socken stehen und weiß selbst nicht so recht, wieso.

Gerade die Widersprüche, die Harmlosigkeiten sind nicht leicht auszuhalten, wie auch Bryan Adams vorführt. Seine großformatige Porträt-Serie "Wounded - The Legacy Of War", entstanden zwischen 2010 und 2013, konfrontiert mit dem "Vermächtnis des Krieges". Mit dem Schrecken, der bleibt: Adams fotografierte verstümmelte britische Kriegsheimkehrer aus Afghanistan und Irak. Menschen, die kaum noch einen Fleck heiler Haut haben, aber sich darauf ein "unscarred" (unvernarbt) haben tätowieren lassen. Leute, denen von allen vier Extremitäten nur eine einzige geblieben ist, aber die in ihrem Rollstuhl fröhlich lachend eine Zigarette rauchen - und ebenfalls ein Tattoo enthüllen: "Death Proof".

Einer lässt die Hosen runter, um seine Prothesen herzuzeigen, viele tragen immer noch militärische Tarnkleidung. Anstelle seines linken Auges hat sich ein Soldat den Union Jack eingeklebt, ein anderer hält seine verstümmelten Hände stolz vor die ordengeschmückte Brust. Einen verstörenden Patriotismus zeigen diese Fotos - die Ambivalenzen, die Menschen nun mal ausmachen. Bislang habe kein englisches Museum die Bilder zeigen wollen, hört man hier denn auch. Erst in nächster Zeit wird die erste Ausstellung im eigenen Land sein.

Ähnliche Probleme dürfte man in Japan wohl mit den Bildern von Jan Banning bekommen: Sein Porträtzyklus "Comfort Women" dokumentiert sozusagen retrospektiv ein monströses japanisches Kriegsverbrechen. Der niederländische Fotograf hat Porträts indonesischer Frauen gemacht, die im Zweiten Weltkrieg systematisch als "Trostfrauen" in Bordelle der japanischen Armee verschleppt wurden.

Jahrzehntelang haben diese Frauen aus Scham geschwiegen, weil sie sich nicht als Opfer fühlten, sondern als Schuldige, Befleckte. Bannings Bilder sind so etwas wie ein "Outing" dieser inzwischen uralten Frauen. Erst jetzt, Jahrzehnte später, machen sie ihre Geschichte mithilfe der Kamera öffentlich: direkt, frontal, überlebensgroß. In ihren Gesichtern ist der Krieg noch immer bittere Gegenwart.

"Gesichter des Krieges" eröffnet mit Bryan Adams

Ausstellung "Gesichter des Krieges", bis 7. September im Stadthaus Ulm, wird am Freitag, 19 Uhr, dort eröffnet. Silke Ballweg von "Reporter ohne Grenzen" wird sprechen. Für den Abend gibt es Restkarten. Geöffnet: Mo-Sa 10-18, Do bis 20 Uhr, So 11 bis 18 Uhr.

Programm Am 22. August, 19 Uhr, kommen zwei koreanische Zeitzeuginnen zum Gespräch, die einst vom japanischen Militär verschleppt wurden. Am 28. August, 19 Uhr, ist der Film "Because we were beautiful" über die "Comfort Women" zu sehen.

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