Ulm Der schmale Grat

MAGDI ABOUL-KHEIR 07.10.2013
Präimplantationsdiagnostik ist ein ethisch hoch kontroverses Thema. Nina Enders Stück "Pidkid.de" wirft dazu viele gute Fragen auf. Die Uraufführung im Podium hinterließ dennoch einen zweispältigen Eindruck.

Am Freitag lief die Meldung durch die Medien, dass die Biotechnologie-Firma "23andMe" sich in den USA ein Patent auf die Auswahl von "Designer-Babys" gesichert hat. Damit können menschliche Samen- und Eizellen selektiert werden, dadurch wiederum Eltern eine Auswahl nach Kriterien wie Augenfarbe, Langlebigkeit oder athletischen Eigenschaften treffen.

Am gleichen Abend fand im Podium des Theaters Ulm die Uraufführung von "Pidkid.de" statt. Darin behandelt Nina Ender die möglichen Folgen der Präimplantationsdiagnostik (PID). Die ist seit 2011 in Deutschland erlaubt, wenn das hohe Risiko einer schwerwiegenden Erbkrankheit vorliegt. Aktueller kann ein Stück nicht sein.

"Pidkid.de" spielt 2026: Die ersten selektierten Pidkids wären dann Jugendliche. Um Science Fiction geht es aber nicht wirklich, entsprechend betreibt Ausstatterin Mona Hapke kein übertriebenes Zukunftstheater: Transparente Stoffbahnen werden zu Hologrammen (sehen aber auch, sehr passend, wie riesige Reagenzgläser aus), die Mode ist Retro-Retro in der Trendfarbe Weiß.

In den ersten Szenen werden Wissenshintergründe zur PID referiert: Wortfluten, mal monologisch, mal chorisch. Ein leider sehr didaktischer Anfang. Erst wenn sich Figuren herauszuschälen beginnen, kann der Zuschauer andocken.

Zwei Familiendramen spielen sich hier ab. Da sind die Brüder Moritz und Mark: Moritz hat ein schlechtes Gewissen gegenüber Mark, weil der überhaupt nur existiert, damit er ihm als Knochenmarkspender das Leben retten konnte. Und da sind die Geschwister Chris und Sophie: Chris leidet an Knochenschwund, ist schwer behindert und des Lebens müde; Sophie sollte dieses Schicksal nicht teilen, ist daher einst von ihren Eltern als genetisch gesunder Embryo ausgewählt worden.

Identitätszweifel und Eifersucht, Verantwortungs- und Schuldgefühle plagen die Jugendlichen. Ihre Geschichten laufen auf pidkid.de, einer Art Facebook für Betroffene, zusammen. Die Erwachsenen wollen ja nicht darüber reden.

Regisseur Antonio Lallo weiß aus seiner Bühnenerfahrung als Schauspieler, dass so ein Abend mehr sein muss als ein bebildeter ethischer Diskurs. Und immer dann, wenn sich die Konflikte zwischen den Figuren zuspitzen, lebt das Stück auf. Dennoch wechseln sich emotional plausible, auch berührende Momente mit eher pädagogisch oder gar prätentiös wirkenden Szenen ab. Wenn am Ende noch die Frage, welches Leben lebenswert ist, und das Thema Sterbehilfe hinzukommen, wirkt "Pidkid.de" überladen.

Gunther Nickles hat eine Doppelrolle: Dabei hält er als Chris, röchelnd im Rollstuhl sitzend, gut Maß - die Figur gerät ihm überzeugender als der reimende, rappende Moritz. Christian Streit, der neu im Ensemble ist, hilft der Inszenierung mit seiner Energie: als aufbrausend-überdrehter Mark, der sich zum "Knochen-Mark" reduziert fühlt. Johanna Paschinger macht das Suchen und Aufbegehren der Sophie nachvollziehbar, und Sibylle Schleicher spielt beide Mutterrollen mit dem nötigen Abstand.

"Pidkid.de" wirft viele Fragen auf. Antworten muss jeder für sich finden. Das Jugendstück (ab 14) nimmt den Zuschauer mit auf den schmalen Grat zwischen Selbst- und Fremdbestimmung, zwischen Leben und Tod. Und das heftige Ende? Selbst das ist eine Sache der Perspektive. Wie alles. Man hat ja auch erfahren: "Normal ist keine Person. Sondern eine Perspektive."

Eine Autorin aus Ulm