Einzigartig findet Jasper Brandis das Podium: „Diesen Raum gibt es in ganz Deutschland nicht nochmal.“ Jetzt inszeniert der 47-Jährige, seit dieser Spielzeit Schauspieldirektor am Theater Ulm, zum ersten Mal auf der Studiobühne: „Zeit der Kannibalen“ nach dem Film von Johannes Naber. Am Samstag ist Premiere.

Schon der Film, der in der Welt der Unternehmensberater spielt, hat ein theatrales, stilisiertes Setting: Schauplatz sind Hotelzimmer irgendwo in Schwellenländern, Silhouetten aus Pappmaché sind die Außenwelt. Brandis bringt das Stück auf die fast leere, sechseckige Spielfläche des Podiums: eine „Arena“ in einem Raum, der wie ein „Bunker“ wirken kann. Dort finden die sarkastischen Wortwechsel der Pro­tagonisten statt, dort wird das Phänomen Unternehmensberatung durchleuchtet, das Prinzip der „outgesourcten Verantwortung“, wie Brandis es nennt.

Die Arena-Form sei für das Stück ideal. Man könne im Podium Nähe und Intensität herstellen, aber auch Luft holen – für eine Studiobühne sind die 18 Meter Durchmesser nämlich riesig: eine „echte Raumbühne“, die an antike Formen erinnert, aber dennoch vielfältig nutzbar sei.

„Zeit der Kannibalen“ ist Brandis’ zweite Inszenierung in der Spielzeit. Mit der ersten, Schillers „Die Räuber“ zum Saisonauftakt, war er „glücklich, auch weil sie gut besucht war“. Als Schauspieldirektor muss er sich natürlich nicht nur um seine Regiearbeiten kümmern. Was die Arbeitsökonomie betrifft, sei das ein Lernprozess – die Gefahr des Jobs bestehe darin, nicht nur als Künstler, sondern als Erlediger zu denken.

Die Zwischenbilanz? Sowohl „Räuber Hotzenplotz“ als auch „My Fair Lady“ mag er. Aber da war dann auch noch die Produktion „Aufstieg und Fall des Uli H.“, die ziemlich in die Hose ging. Eine Uraufführung berge immer ein Risiko, sagt Brandis, aber man habe die Aufgabe, einen satirischen Theaterabend über eine extreme Figur wie Uli Hoeneß zu erarbeiten, wohl in der Vorbereitung zu leicht genommen.

Das Ergebnis sei weder der Autorin, noch dem Regisseur und schon gar nicht dem Ensemble anzulasten, betont Brandis. In der Produktion habe es Konflikte gegeben, aber wie die Schauspieler den Abend „mit großer Würde auf die Bühne gebracht haben“, findet er toll und beeindruckend. „Wir haben Lehrgeld gezahlt, sind aber mit einem blauen Auge davongekommen“, denn das Podium war fast immer ausverkauft.

Kommende Woche feiert im Großen Haus „Terror“ Premiere, danach freut sich Brandis in der Spielzeit noch auf „Soul Kitchen“, „Jihad, Baby“, „Am Boden“, „Konstellationen“ – und darauf, Georg Kaisers „Von morgen bis mitternachts“ zu inszenieren: „ein tolles Ding, das kann knallen“.

Über die Saison 2019/20 darf er noch nichts verraten, nur: Im Schauspiel werden „Themen der Zeit, aber auch die ganz großen Fragen verhandelt“. Der Spielplan enthalte „weniger sichere Bänke“. Er sei „ein bisschen mutiger, scheint mir“.

Brandis fühlt sich in Ulm und am Theater gut angekommen und willkommen. Und er spürt, dass „diese Stadt ihr Theater wahnsinnig liebt“. Das äußere sich auch mal in ungewöhnlicher Kritik: Er habe bei einer Soirée „zu langweilig geguckt“, wurde er von einer Besucherin geschimpft. Aber langweilig findet es Jasper Brandis am Theater Ulm gewiss nicht.

Premiere und Gottesdienst


Das Schauspiel „Zeit der Kannibalen“ nach Johannes Nabers gleichnamigem Film von 2014 feiert am Samstag, 19.30 Uhr, im Podium Premiere. Filmemacher Naber hat das Stück nach dem Drehbuch von Stefan Weigl geschrieben, das mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet wurde.

Die Kapitalismus-Satire spielt in stilisierten Hotel-­Räumen und schildert die Arbeit, den Druck, den Konkurrenzkampf und die Absurdität des Lebens und Tuns von global tätigen Unternehmensberatern.

Schauspieldirektor Jasper Brandis hat das Stück inszeniert, die Ausstattung ist von Petra Mollérus. Es spielen Benedikt Paulun, Maurizio Micksch, Nicola Schubert, Fabian Gröver, Franziska Maria Pößl und Gunther Nickles. Die Spieldauer ist 80 Minuten; keine Pause.

Am Morgen nach der Premiere, Sonntag, 10 Uhr, widmet sich der Gottesdienst in der Pauluskirche Fragen der Moral und des Lebenswerts anhand des Stückes „Zeit der Kannibalen“. Dieses „Vis-à-Vis“ genannte Projekt ist eine neue gemeinsame Unternehmung des Theaters Ulm mit Kirchengemeinden in der Stadt. Intendant Kay Metzger und Chefdramaturg Christian Katzschmann führten seit 2008 schon einen solchen regelmäßigen Dialog von Theater und Gemeinden an ihrer damaligen Wirkungsstätte in Detmold. Dieser sonntägliche Gedankenaustausch ohne konfessionelle Grenzen findet nun in Ulm seine Fortsetzung, in der Wengenkirche, Martin-Luther-, Christus- und Pauluskirche.