Diskussion Der Schatten des Ersten Weltkriegs

Ulm / Thomas Vogel 14.07.2018

100 Jahre Ende des Ersten Weltkriegs – und kein Ende? Mit dem Ende der militärischen Kampfhandlungen im Spätherbst 1918 herrschte längst noch kein Frieden. Teils willkürliche Grenzziehungen nach dem Zerfall des Habsburger Reichs zerschnitten gewachsene Strukturen. Rumänien marschierte in Budapest ein und stürzte eine Räteregierung. Das Gebiet der heutigen Ukraine verwandelte sich in ein von blankem Terror durchtränktes Territorium, bei dem fast 100 000 Juden getötet wurden. Der „Friedensvertrag von Versailles“ erscheint vor diesem Hintergrund in einem anderen Licht.

„Da wurde nicht viel über Frieden gesprochen, sondern wie man die Bolschewiken in Russland einkreisen, wie man den Krieg gewinnen kann und wie man auch fernere Weltgegenden neu aufteilt“, räumte der Wiener Historiker Hannes Leidinger mit gängigen Vorstellungen auf. Er war Teil einer hochkarätig besetzten Podiumsrunde, die im Donauschwäbischen Zentralmuseum die unübersichtliche politische Landschaft Osteuropas nach dem Ende der Doppelmonarchie unter die Lupe nahm.

Einigkeit herrschte mit dem aus Ungarn stammenden Historiker Andreas Oplatka, dass „Versailles“ mit der Vielzahl an neuen Staaten, die sich als Nationen wähnten, gleichzeitig eine Vielzahl an Territorialkonflikten produzierte – und dadurch wiederum ein „Vakuum, in welches das nationalsozialistisch gewordene Deutschland hineindrängte.

Juden schon 1918 Feindbild

Für die Juden Osteuropas hatte der Schrecken gleich nach 1918 begonnen. Sie wurden zum Feindbild aufgebaut, erschienen in der Fratze des „bolschewistischen Juden“, erklärte Leidinger. Die rumänische Literaturwissenschaftlerin Romanita Constantinescu flocht einen weiteren Aspekt in die Diskussion: „Die Juden wurden vom neuen rumänischen Staat nicht eingebürgert.“

Oplatka war es dann, der den Bogen bis zum heutigen Ungarn schlug. Ungarn, das sich dem Westen zugehörig wähnte, sei bei den Verhandlungen 1918 „als zu vernachlässigende Größe“ behandelt worden. Die Enttäuschung wirke bis heute nach.

Der zu breit gesteckte Rahmen führte dieses Podium von Beginn an auf eine Springprozession an diskussionswürdigen, aber nicht weiter vertieften Informationen. Positiv gesehen bot diese Runde ein „Blitzlichtgewitter“ an Themen, von denen viele wiederum einer eigenen Veranstaltung wert gewesen wären.

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