Der Reiz der vom Leben verätzten Personen

Der Autor im Gespräch: Feridun Zaimoglu. Foto: Martina Dach
Der Autor im Gespräch: Feridun Zaimoglu. Foto: Martina Dach
ELVIRA LAUSCHER 11.04.2014
Feridun Zaimoglu ist in der Türkei geboren und ein hoch dekorierter deutschsprachiger Autor. Jetzt war er Gast der Reihe "Der Autor im Gespräch".

In seinen Büchern werden oft Ausgegrenzte beschrieben, scheinbare Verlierer der Gesellschaft. So wie in "Kanak Sprak", seinem ersten erfolgreichen Buch oder in seinem aktuellen Roman "Isabel". "Ich bin ein altmodischer Schreiber, der Menschen sieht, die sonst nicht vorkommen. Ich sehe die Kassiererin und Raumpflegerin und verneige mich vor ihr", erklärte Feridun Zaimoglu beim SWR-Gespräch der Reihe "Der Autor im Gespräch" im Stadthaus. "Es sollte einen dunklen Schreiber wie mich geben", meinte er trocken und erzählte von der Lust, die es ihm bereite, eben solche Menschen darzustellen, die vom Leben verätzt sind. Apropos verätzt, den geraden Weg ging auch Zaimoglu nicht. Er schaffte zwar das Abitur, wurde aber nicht Arzt, sondern jobbte in verschiedenen Berufen und wurde schließlich Künstler und Schriftsteller. "Die starken Frauen in meiner Familie haben mir das Erzählen beigebracht. Wenn sie erzählten, dann verschwand das Elend und der Boden zerbarst."

Zaimoglu erzählt manchmal fast bis zur Selbstaufgabe Während er "Isabel" schrieb, hat der Autor wie seine magere Hauptperson Isabel - so wenig gegessen, dass er 16 Kilo abnahm. Und mit der Figur magerte im Laufe des Romans auch seine Erzählsprache ab.

In seiner Geschichte wohnt Isabel, eine türkischstämmige Frau, in Berlin und ist auf dem Weg nach unten. Nachdem sie sich von ihrem Freund getrennt hat, will sie nichts mehr mit Männern zu tun haben, sucht den Kontakt zu Schwulen und Transvestiten, die ihr nichts anhaben können. Und sie sucht Orte auf, die abseitig wirken, nicht hipp sind. Gemeinsam mit ihrer ebenso eigenwilligen Hündin Ruby streicht sie durch die Stadt, begibt sich in die Welt der Armenhilfe und der Gestrandeten. "Sie hat keine Lust, sich ihre Gesichtsblässe zuzuschminken." Das Berlin von Feridun Zaimoglu ist alles andere als sexy, wie Klaus Wowereit die Stadt mal beschrieb.

Isabel trifft auf Marcus, einen Kriegsheimkehrer aus dem Kosovo-Einsatz. Ein harter und frustrierter Mann, der zu ihr, der harten Frau passt und es am Ende schafft, sie zu umarmen. "Soldat küsste sie nicht. Soldat umarmte sie nur. Mann und Frau." In dieser zweiten vorgelesenen Szene aus dem Buch wurde die Verknappung der Sprache deutlich, die die Kurzatmigkeit der Figuren spiegelt. Und doch - Feridun Zaimoglu dirigierte beim Lesen seine eigene Sprache, die trotz ohne jede Ausschmückung noch Klang und Rhythmus behielt und durch das Stadthaus schwang wie ein Stakkato der Hoffnungslosigkeit.

Info Feridun Zaimoglu: Isabel. Kiepenheuer&Witsch, 240 Seiten, 18.99 Euro.