Sein erster Tauchgang? Schwamm drüber! Von Tauchen – also dem, was man gemeinhin als Tauchen bezeichnet – konnte damals, im Spätherbst 1970, keine Rede sein. Okay, Peter Weimann sah aus wie ein richtiger Taucher, bei Neckermann hatte er eine Ausrüstung erstanden. Mit allem drum und dran, Luftflasche, Flossen, Atemregler, Bleigürtel und Anzug. Der war aus „besonders geschmeidigem Neopren. Beste Passform“, wie der Katalog versprach. Das Problem: Die Hose ging bis knapp unter den Bauchnabel, das Oberteil endete über dem Bauchnabel. Da konnte das Neopren noch so geschmeidig sein, um den Bauch herum war es kalt, um nicht zu sagen: saukalt. Das Wasser in dem kleinen Dietenheimer Weiher kannte kein Erbarmen. Und so stand er nicht allzu lange in voller Montur im Wasser. „Ich hab’ das dann sehr schnell wieder bleiben lassen“, sagt der heute 82-Jährige. Er schälte sich aus dem Neopren und wartete den nächsten Sommer ab.

Hans Hass und Jacques Cousteau – die beiden Meeresforscher hatten Weimann inspiriert. Wenn deren Filme im Fernseher liefen, saß er davor und war begeistert. Von der Unterwasser-Natur, von den Fischen und von diesem schwerelosen Dahingleiten. Sommer ’71: Weimann macht auf Elba seinen ersten
Tauchurlaub – und weiß: Das ist sein Sport. Dass sich in Ulm zur gleichen Zeit die Sporttauchergruppe gründete, „darauf konnte ich keine Rücksicht nehmen. Da waren mir meine ersten Tauchgänge wichtiger.“ Als er von Elba zurückkehrte, übernahm er den Job des Schriftführers, später war er 1. und 2. Vorsitzender des Vereins. Mittlerweile hat Weimann, der als Ingenieur bei Kässbohrer (später Evobus) arbeitete, sage und schreibe 4000 Tauchgänge in seinen Logbüchern stehen. Viertausend! „Ja, das ist schon relativ viel“, sagt er und fügt, ein bisschen auf Understatement machend, hinzu: für einen Hobbytaucher. Viertausend! Jetzt mal im Ernst: Das ist schon eine gewaltige Zahl.

Okay, da sind allein 600 bis 700 Tauchgänge im Gurrensee dabei. „Man kann eben nicht immer nur ans Meer.“ Schlagen wir also das Logbuch auf, unter Nr. 3959, 28. Mai 2018, steht: Gurrensee, Wasser: 22 Grad. Seine Tauchkameraden Günther, Hans und Falk waren mit von der Partie, ferner Aal und Hecht. Alles wird im Logbuch vermerkt. Auch die Sicht. Und da ist der Gurrensee ganz speziell: „Da freut sich der Taucher, wenn er überhaupt was sieht.“ Bei zehn Metern ist die Freude groß, bisweilen, vor allem im Sommer, sieht man oft nicht die Hand, sprich: den Tiefenmesser vor Augen. Was auch damit zusammenhängt, dass Taucher durch ihren Flossenschlag das feine Sediment im See aufwirbeln. Und dennoch: Es macht jedes Mal wieder Spaß, Weimann und seine Rentnergruppe treffen sich von April bis Oktober immer montags am Gurrensee, um abzutauchen.

Den Winter über taucht der Pfaffenhofener nicht im Gurrensee, sondern im Westbad – obwohl: Eistauchen hat auch seinen Reiz, „wenn sich die Luftblasen unter der Eisoberfläche verteilen, sieht das toll aus“. Fürs Eistauchen braucht’s allerdings einen Trockenanzug, der alte hatte sich mit der Zeit aufgelöst, und einen neuen kaufen, das, sagt er, lohnt sich wohl eher nicht. Die Dinger sind teuer, 1000 Euro und mehr kosten die leicht. Weimann taucht im Nassanzug, „da läuft die Brühe voll rein“. Das Prinzip ist einfach: Das Wasser dringt zwischen Körper und den hauteng sitzenden Anzug ein und wird durch den Körper erwärmt. Das ist alles schön und gut, solange man sich nicht in der Kälte ausziehen muss. „Bei Minusgraden nass im Wind stehen und sich umziehen, das ist ziemlich unangenehm.“

Tauchgang Nr. 3959 war wie gesagt im Gurrensee, dem See also, der für die Sporttaucher der Region so etwas ist wie die heimische Badewanne darstellt. Hier die 4000er-Marke zu knacken – nein, das war ihm denn doch zu banal. Ihm, der des Tauchens wegen fast alle Kontinente bereist hat. „Die Antarktis fehlt noch.“ Aber sonst: Bei den Galapagos-Inseln ist er zwischen riesigen Schwärmen von Hammerhaien geschwommen, „die sind ungefährlich. Haie sind liebe Tiere. Meistens.“ Die Düse ging ihm freilich, als er auf den Fidschi-Inseln quasi Hautkontakt mit einem Bullenhai aufnahm. Bei einer Haifütterung war er – mutig, mutig – ganz vorne mit dabei. Dass ihm die Sache nicht ganz geheuer war, zeigten die Fotos, die er geschossen hatte: „Die waren etwas verwackelt.“

Weimann kennt fast alle Tauchbasen dieser Welt – ob im Jemen, in Ägypten oder Mosambik, auf Madagaskar, in Saudi-Arabien, Costa Rica, Venezuela, Kolumbien und auf Hawaii, in Malaysia, auf den Philippinen, in Mikronesien und Australien und und und. Die einzig gefährliche Situation erlebte er auf der Halbinsel Yukatan, als er mit einem Japaner ein Tauch-Tandem bildete. Anstatt bei 35 Metern zu stoppen, ging sein Begleiter immer tiefer. „Der drehte einfach durch. Vielleicht war’s der Tiefenrausch. Bei 45 Metern habe ich ihn gerade noch so an der Flosse erwischt und nach oben gezogen. Ich war froh, als ich wieder oben war.“

Mantarochen mit bis zu sieben Meter Spannnweite („wenn die über einen drüberschwimmen, das ist beeindruckend“), Haie aller Art und Muränen, Rotfeuerfische, Drachenköpfe oder Seepferdchen und farbenprächtige Korallen hat er mit nach oben gebracht – auf Fotos, versteht sich. „Harpunieren? Um Gottes Willen. Das ist eine Todsünde.“

Was ebenfalls jahrzehntelang nicht ging: Fisch, gegrillt, gebacken oder gedünstet. Was mit ihm unter Wasser schwamm, wollte er nicht auf dem Teller wiederfinden. Bis ihm in einem asiatischen Hotel immer nur „Chicken“ vorgesetzt wurde. Tag für Tag: „Chicken mit vielen Flugstunden“. Am vierten Tag holte er sich vom Buffet schließlich Fisch, „der sah lecker aus und schmeckte auch gut“.

Ach ja, den 4000. Tauchgang absolvierte Peter Weimann also nicht im Gurrensee, sondern Ende November im Süden des Oman. Lufttemperatur 30 Grad, Wassertemperatur 27 Grad, „einfach herrlich.“ Als er in zwölf Metern Tiefe war, überraschten ihn die Kameraden, gratulierten und machten ein Foto.

Was seine Frau sagt? Sie hat Verständnis für das Hobby ihres Mannes. Insgeheim aber wundert sie sich doch: „Warum hat er nicht größere Schwimmhäute?“