Ulm Der Kinderwagenfriedhofaufseher

Kinderwagen im Alten Friedhof? Kein Problem! Vor 100 Jahren löste das aber eine Debatte aus.
Kinderwagen im Alten Friedhof? Kein Problem! Vor 100 Jahren löste das aber eine Debatte aus. © Foto: Oliver Schulz
JAKOB RESCH 25.06.2013
Der Alte Friedhof ist Ruheort für alte Ulmer, aber auch junge sind dort gern gesehen. Keine Rede von einem Kinderwagenverbot wie 1906.

Die Friedhofsordnung der Stadt Ulm besagt: Anordnungen des Friedhofpersonals ist Folge zu leisten. Nicht gestattet ist es auf dem Neuen Friedhof, die Wege zu befahren - "ausgenommen mit Kinderwagen und Rollstühlen". Mit diesen Bürgerpflichten 2013 ist man schon mitten drin in einer Geschichte unseres Lesers Gerhard Autenrieth oder vielmehr seines Vaters oder vielmehr seines Großvaters, die zurückführt ins Jahr 1906 und die seine Großmutter mit Zeitungsausschnitten dokumentiert hat.

In der Oststadt lebend, beklagte sich der Großvater, Kriegsgerichtsrat Hermann Autenrieth, nämlich in einem Leserbrief, dass die Aufseher Anwohner aus dem Alten Friedhof verwiesen, die den schattigen Park mit einem Kinderwagen aufsuchen. Das sei um so merkwürdiger, weil Kindern nach der Neuen Friedhofsordnung der Aufenthalt in Begleitung Erwachsener erlaubt sei und der Alte Friedhof ja gar kein Friedhof mehr sei. Jedenfalls muss es auch dem im Kinderwagen liegenden Vater von Gerhard Autenrieth, Hans Friedrich Autenrieth, so ergangen sein. Und nun entspann sich eine abenteuerliche Debatte.

Im Rat der Stadt bestätigte Oberbürgermeister Heinrich Wagner, dass nur Kinder ohne Begleitung Erwachsener nicht in den Friedhof dürften. "Kinderwagen werden aber stets von Erwachsenen begleitet." Also werde er sofort die Korrektur der Fehlinterpretation der Friedhofverwaltung verfügen, ohne damit dem Votum des Gemeinderates vorgreifen zu wollen, ob Kinderwagen im Alten Friedhof verboten werden sollten. "Ich bin nicht dafür." Stadtrat Allgöwer war schon dafür, fand damit aber keine Mehrheit.

Jetzt ging es in der Zeitung weiter. Ein Leser unkte, der Alte Friedhof sei zum Tummelplatz für Kinder freigegeben, ohne dass die gesundheitlichen Folgen eines stundenlangen Friedhofaufenthalts für Kinder geprüft worden seien, was ein anderer Leser ironisch auf die Spitze trieb: "Vielleicht empfiehlt es sich jetzt, einen besonderen Kinderwagenfriedhofaufseher anzustellen."

Das alles ist bei Autenrieths archiviert. Heute dürfen Kinderwagen trotz Friedhofpersonals ausdrücklich auf den Neuen Friedhof. Und der Alte hat einen Spielplatz und bald sogar einen Kindergarten.