Ulm Der IQ-Test für unterwegs

Ulm / RUDI KÜBLER 16.07.2016
Was macht eigentlich Ihr Intelligenzquotient? Ulmer Psychologen haben jetzt eine App fürs Smartphone entwickelt – quasi einen IQ-Test to go.

Das mit dem Intelligenz-Quotienten ist so eine Sache. Stephen Hawking und Bill Gates sollen einen IQ von 160 haben – der Durchschnitt der Bevölkerung liegt zwischen 85 und 115. Wer auf mehr als 130 kommt, gilt als hochbegabt. Die mögliche künftige US-Präsidentin Hillary Clinton und die Sängerin Madonna sollen bei 140 liegen. Und von Albert Einstein dürfte auch ein wenig Intelligenz auf seine Geburtsstadt Ulm abfallen – kein Problem: bei einem IQ von 160 bis  180. Allerdings: Das sind alles Schätzungen. Weder Einstein noch Clinton haben einen IQ-Test gemacht. Und wenn, dann nur im Geheimen, vielleicht lag der gemessene IQ ja doch unter dem geschätzten . . .

Prof. Oliver Wilhelm hat tagtäglich mit Intelligenz zu tun. Mit Intelligenz in allen Facetten. Konstruktion und Evaluation von Leistungs-, Fähigkeits- und Eignungstests ist einer seiner Forschungsschwerpunkte. Jetzt hat der Leiter der Abteilung für Differentielle Psychologie und Psychologische Diagnostik an der Uni Ulm gemeinsam mit seinen Kollegen Christian Montag und Florian Schmitz einen IQ-Test entwickelt. Also: keinen üblichen IQ-Test, sondern einen fürs Smartphone. „Wenn jemand auf den Zug wartet, kann er ein paar Minuten unsere IQ-App nutzen und sich testen“, berichtet Wilhelm.

Gute Ideen entstehen am Schreibtisch – mit die besten beim Bier mit den Kollegen. Nach dem Motto: „Lasst uns doch mal das versuchen!“ Was vor eineinhalb Jahren nur eine Idee aus einer Bierlaune heraus schien, ist mit der Zeit zum Projekt gewachsen, das die Ulmer Psychologen zwar nebenbei betreiben – aber mit ernstem Hintergrund, sprich: zu wissenschaftlichem Frommen und Nutzen. Denn: Die Forscher werten die Testergebnisse aus. Auf der Grundlage eines Datenpools, in dem die Ergebnisse gesammelt werden, wollen die Wissenschaftler zweierlei überprüfen. Zum einen, ob Intelligenztests per Smartphone überhaupt machbar sind. Zum anderen, ob die erhaltenen Daten belastbar, das heißt, vergleichbar sind mit den Ergebnissen von Fragebögen. „Wir wollen wissen, wie aussagekräftig diese Ergebnisse sind.“

Ein IQ-Test per Smartphone? Das gibt es doch schon, werden jetzt App-Kundige einwenden. Stimmt, räumt Wilhelm ein, „es gibt zwar vergleichbare Apps, aber ohne wissenschaftliche Begleitung“. Kommerzielle Anbieter, so seine Erfahrung, seien fast durch die Bank mit Vorsicht zu genießen, sie könnten oft ihre blumigen Werbeversprechungen nicht halten. Nämlich den Intelligenz-Quotienten über ein bisschen Training zu verbessern oder sich bis ins hohe Alter seine Gedächtnisleistung zu erhalten.

Auch spektakuläre Forschungsergebnisse würden auf dem Gebiet der Leistungsdiagnostik veröffentlicht, sagt Wilhelm und schüttelt zweifelnd den Kopf. Zehn Stunden Training und alles ist bestens? „Das wäre phänomenal und fast nobelpreisverdächtig. Aber so funktioniert das mit der Intelligenz nicht. Wer anderes verspricht, lügt.“

Wer wie Wilhelm in der Leistungsdiagnostik unterwegs ist, greift für gewöhnlich auf verschiedene Anforderungen zurück, um zu aussagekräftigen Resultaten zu gelangen. Tests dauern entsprechend lang, die Auswertung nimmt ebenfalls eine gewisse Zeit in Anspruch. Die IQ-App der Ulmer Forscher ist dagegen auf  die Kriterien Aufmerksamkeit und Gedächtnis beschränkt, um eine schnelle Rückmeldung zu ermöglichen.  Die Probanden sollen sich Kombinationen von Zahlen, von Symbolen und Figuren, von Farben und Buchstaben merken und diese rasch aktualisieren, „das Arbeitsgedächtnis ist die zentrale Variable unserer Verstandestätigkeit“, erklärt Wilhelm.

Man sollte aber nicht dem Trugschluss erliegen, dass die App einen herkömmlichen Test ersetzt, warnt er. Wer vermutet, dass sein Kind hochbegabt ist, sollte einen Psychologen hinzuziehen. „Die App ist ein Spiel, das Ergebnis sollte man nicht übertrieben ernst nehmen.“

Die IQ-App kommt an bei den Leuten, sie machen eifrig mit. Freilich: Die sechs Aufgaben sind erst der Anfang. Wenn sich die App bewährt, wird das Team um Wilhelm den IQ-Test um weitere Aufgaben ergänzen. Ein Wissensquiz à la „Wer wird Millionär?“ haben die Psychologen in der Pipeline, ohne die Quatschfragen allerdings. Wilhelm: „Wir gehen ernsthafter an die Sache heran.“

Info Mehr auf der Webseite zur Ulmer IQ-App: www.iq-app.de/

Die IQ-App kann kostenlos in den gängigen App-Stores heruntergeladen werden.

Zur Person

Laufbahn Oliver Wilhelm ist seit 2011 Professor für Differentielle Psychologie und Psychologische Diagnostik an der Uni Ulm. Der 47-jährige Wissenschaftler hat in Mannheim studiert und promoviert. Seine Forschungstätigkeit führte ihn an das Georgia Institute of Technology (Atlanta/USA) und als  Postdoktorand an die University of Arizona (Tucson/USA). Danach  war Wilhelm unter anderem vier Jahre lang als Professor auf dem Stiftungslehrstuhl Pädagogische Diagnostik an der Berliner Humboldt-Universität tätig, ehe er 2010 als Professor für Pädagogische und Psychologische Diagnostik an die Uni Duisburg-Essen wechselte.

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