Ulm / HANS-ULI THIERER  Uhr
Ingenieure, Techniker, Planer, Politiker sind sich einig: Das wird ein Herkuleswerk. Der Bau der Ulmer Straßenbahnbrücke über die neu zu gestaltenden Bahnanlagen hinweg bedarf höchster Abstimmung. Mit einem Kommentar von Hans-Uli Thierer: Stuttgart wird Vorort.
„Welche Seckel hend des bloß beschlossa?“ Mit der Prophezeiung, die Stadtpolitik werde sich noch manches Mal den heiligen Zorn von im Stau stehenden Autofahrern oder durch Baulärm genervten Bewohnern etwa des unteren Michelsbergs zuziehen, gab Finanzbürgermeister Gunter Czisch einen ganz und gar ungewöhnlichen Startschuss für ein besonderes Bauwerk, das im Zuge der neuen Straßenbahnlinie 2 entsteht: die Straßenbahnbrücke, die vor dem Kienlesberg über die Bahnanlagen führt.

Czisch sah sich wie Ingo Wortmann, Chef von SWU Verkehr, die die neue Straßenbahnlinie baut, auf einer Infoveranstaltung im roten S-21-Container der Bahn am Kienlesberg gerufen, die Bürger auf harte Zeiten einzustimmen: „Es wird anstrengend.“ Aber die Perspektive sei alle Geduld dieser Welt wert. „In sechs bis sieben Jahren ist ein maßgebliches Stück Zukunft der Stadt gebaut.“ Vor dem Kienlesberg trifft diese Zukunft symbolhaft in Gestalt zweier Projekte aufeinander: Trambrücke und Bahnportal.

Nahverkehrsbrücke Zum einen eben jener Straßenbahnbrücke, die von 2018 an die Tram auf schnellem Weg Richtung Eselsberg oder umgekehrt vom Eselsberg in die Innenstadt bringen soll; die aber auch für Fußgänger und Radler frei sein wird; und über die womöglich auch Busse fahren werden. Zwar sei dies in den Planungen noch nicht vorgesehen, sagte Wortmann auf die Frage eines Besuchers. „Wir prüfen aber, ob das sinnvoll sein könnte.“ Denn mit der Straßenbahn wird ja der Busverkehr zum und vom Michelsberg/Eselsberg nicht eingestellt. Wortmann: Von den über die Haltestelle Kienlesberg verkehrenden Buslinien 3, 5 und 6 bleiben die beiden letzteren erhalten. „Nur der Dreier fällt weg.“

Neubaustrecken-Portal Zum anderen das Portal der Neubaustrecke der Bahn Wendlingen-Ulm, an dem bereits seit Monaten gearbeitet wird. Stefan Kielbassa, DB-Projektleiter der Streckenabschnitte zwischen Albanstieg und Hauptbahnhof Ulm, berichtete von einem extrem hohen Abstimmungsbedarf zwischen beiden Projekten. Schließlich läuft der Zugverkehr weiter. Und schließlich wird auch das dreieckförmige Bahnareal vor dem Portal, an dem der ICE in Zukunft die Albabstiegstunnel von Dornstadt her verlassen wird und der in umgekehrter Fahrtrichtung ein Albaufstiegstunnel ist, komplett umgebaut und bis 2021 den neuen Zugverkehren angepasst. So ist beispielsweise der Zeitplan derart vertaktet, dass schon jetzt feststeht, dass am 21. Juli 2017 eine bestimmte Hilfsstütze für die neue Brücke entfernt sein muss, damit die Bahn innerhalb ihres Zeitplans Gleise neu verlegen kann.

Von den Arbeiten für die Trambrücke ist noch nichts zu sehen. Sie werden erst vorbereitet. Mitte Juli wird sich dies aber ändern. Wortmann: „Dann geht es richtig los.“ Weil eben alles unter laufendem Betrieb des Bahnverkehrs aus Stuttgart und dem Brenztal laufen muss, kann die neue Brücke nur über einen sogenannten Längsvorschub (Wortmann: „Im Taktschubverfahren“) errichtet werden. Das heißt, einzelne Stahlbauteile – das schwerste wiegt nach den Worten Ralf Gummersbachs, Projektchef für die Linie 2 bei SWU Verkehr, 180 Tonnen – werden in 30 Meter langen Segmenten auf einem Wiederlager vormontiert, dann Stück für Stück vorgeschoben und in ihre endgültige Lage gebracht.

Solches wird Neugierde erzeugen und Zaungäste an die Baustelle treiben. Währenddessen werden andere die Unbequemlichkeiten verfluchen, die Baustellen so an sich haben. Den Ulmern, die über den Kienlesberg müssen oder rund um ihn herum am Michelsberg leben, hat Finanzbürgermeister Czisch einen Rat parat, der einen ganzen Handelszweig freuen dürfte: „Ich empfehle jedem, sich ein Fahrrad zuzulegen.“

Das Bauwerk

Brückenplaner Als siegreicher Entwurf für die Kienlesberg-Nahverkehrsbrücke war aus einem europaweiten Wettbewerb jener des englischen Büros Knight Architects hervorgegangen. Mit an der Planung beteiligt ist das Karlsruher Ingenieurbüro Krebs und Kiefer.

Brückendaten Die Brücke, eine wellenartig geschwungene Stahlkonstruktion, wird 270 Meter lang. Sie steigt von der Neutorstraße aus ständig an und findet Anschuss an die Kienlesbergstraße auf Höhe Alter Fritz. Die Kosten sind beziffert mit 15 Millionen Euro.

Brückenbau Zentrale Herausforderung für die Ingenieure: Die Straßenbahnbrücke muss über die Bahnanlagen, die im Zuge des Baus der Schnellbahntrasse ebenfalls grundlegend umgebaut werden, hinweg unter laufendem Bahnbetrieb errichtet werden.

Kommentar von Hans-Uli Thierer: Stuttgart wird Vorort

Symbolhafter könnte Ulmer Verkehrszukunft nicht zusammentreffen als unterm Kienlesberg. Drauf geblickt wird vom roten Info-Container aus, den Bahn und Stadt dort installiert haben: überm Tunnelportal. Aus ihm heraus oder in das hinein rollen von 2021 die schnellen ICE-Züge von und nach Stuttgart.

Sie fahren unter der Brücke durch, über die dann schon drei Jahre lang die Straßenbahn von und zum Eselsberg verkehrt. Voraussetzung, dass dieses Szenario Realität wird, ist, dass alles seinen normalen Gang nimmt. Dass also beides, Neubaustrecke und Trambrücke, so zügig entstehen, wie es bisher den Anschein macht. Gelingt dies, wäre, nebenbei, auch der Beweis erbracht, dass es in diesem Land doch noch gelingt, Großprojekte fristgerecht und kostenrahmenhaltend zu bauen.

Finanzbürgermeister Gunter Czisch sagte auf einer Veranstaltung in eben jenem roten Container: Ist erst alles fertig, steigt man im Stuttgarter Hauptbahn in den ICE und kann dank schneller Überland-Schiene und Schiene in der Stadt kaum eine Stunde später an die Tür der Uni Ulm klopfen. Der Satz fasst zusammen, was der SPD-Landtagsabgeordnete Martin Rivoir einmal so formuliert hatte: "Ulm wird dann Vorort von Stuttgart." Als OB-Kandidat hat er sich bereits korrigiert: "Stuttgart wird Vorort von Ulm."

Egal, wie: Unterhalb des Kienlesberg baut Ulm an einem Stück Zukunft. Und zwar nicht am kleinsten.