Es dauert keine Minute, da kommen schon die ersten: Ob der Mann betrunken sei, verletzt oder gar tot, ob man helfen könne? Schließlich liegt da, mitten an diesem Mittag in der Neuen Mitte, ein Mann auf dem Pflaster. Eingerollt in ein weißes Leinentuch, regungslos, ohne sich zu äußern oder zu erklären.

Es dauert keine halbe Stunde, da ist die Polizei vor Ort und ein Rettungswagen, gerufen von einer besorgten Passantin. Doch die Helfer sind so schnell verschwunden wie herbeigeeilt – denn auf dem Pflaster liegt kein Toter, kein Verletzter, nicht einmal ein Betrunkener, sondern nur ein Mensch in Ausübung seines Berufs: Stephen Sheehan ist Aktionskünstler, und das, was er hier tut, nennt er „Cocoon“ – eine Aktion, die er in Ulm am Donnerstag das erste Mal ausprobiert hat. Man kann sagen erfolgreich.


Die Aktion war die erste einer ganzen Reihe, die der Kunststudent aus Liverpool in den kommenden Tagen in der Stadt vollführen wird. Eingeladen hat ihn die Griesbadgalerie, wo Sheehan (Jahrgang 1986) sein Zelt aufgeschlagen hat. Zwei Mandarinen, eine Flasche Wasser, viel mehr braucht der Künstler nicht, um sich wohlzufühlen. Und so ist „bescheiden“, natürlich im positiven Sinne des Wortes, die Beschreibung, die Initiator Tommi Brem zur Kunst des Gastes einfällt.

Über Facebook habe er ihn entdeckt, erzählt der Ulmer Künstler, und er sei sofort fasziniert gewesen von diesem Mann, der sich einfach nur hinlegt, ein Kissen auf seine Brust legt und das Ganze „weighed down by a pillow“ („niedergedrückt von einem Kissen“) nennt. Eine schöne Metapher für die Erfahrung, wie wenig es zuweilen braucht, um einen Menschen zu blockieren, findet Brem. „Unheimlich konsequent“ seien Sheehans Aktionen, die man auf keinen Fall als Performance bezeichnen darf, ohne Widerspruch herauszufordern. Seine Kunst, sagt Sheehan, ziele nicht auf Publikum, wolle nicht unterhalten oder irgendeine Botschaft transportieren, sie wolle nur – sein. „Nur ein Ereignis, wie ein Unfall“.

Dass er sich also – angeblich warm genug eingepackt – auf den kalten Dezemberboden in einer mittelgroßen, ziemlich wohlhabenden deutschen Stadt legt, sei kein Kommentar auf Obdachlosigkeit, sondern zunächst einmal eine Erfahrung. Eine Erfahrung, die durch ihr bloßes Da-Sein zur folgenreichen Intervention wird: Manche finden sie ärgerlich, manche finden sie „voll cool“ (Felix und Felix, 15 und 16 Jahre alt), die weitaus meisten machen sich Sorgen. Heute scheinen die Ulmer den Beweis antreten zu wollen, dass der Mensch mehr Mitleid in sich trägt, als man manchmal denken könnte.

Und so sind nicht einmal die umsonst herbeigerufenen Sanitäter und Polizisten ungehalten. Sauer? „Nö. Ist doch schön, dass sich jemand Gedanken gemacht hat“, meinen sie. Eine Passantin, die aus dem Kosovo stammt, hat allerdings noch minutenlang zitternde Hände.


Erschrecken könnte der ein oder andere auch die kommenden Tage noch. Stephen Sheehan ist bis einschließlich Dienstag in der Stadt unterwegs, um eine Aktion wie „challenging a brick“ (voraussichtlich am Samstag, 13 Uhr, auf der Höhe von Gondrom) auszuführen. In der Galerie ist er jeden Tag für eine Stunde anzutreffen, dort sind seine Aktionen auch dokumentiert. Und wenn man Sheehan nicht in Person begegnet, stößt man vielleicht auf seine Spuren – wer einen Stein mit Nummer findet, der hat einen echten Sheehan in der Hand.

Info Stephen Sheehan ist täglich in der Griesbadgalerie: Sa und So 17-18 Uhr, Mo und Di 19-20 Uhr. www.griesbadgalerie.de