Zum steten Andenken an nahe Verwandte, gute Freunde und Freundinnen für Johanna Maria Louise Rosalie Mündler, gestiftet von ihrer ergebenen Tante Regina Catharina Hollin. 1795, Ulm an der Donau.

Das steht auf dem Deckblatt des Stammbuches, durch dessen Erwerb das Ulmer Stadtarchiv seine Sammlung um ein außergewöhnliches Exemplar erweitern konnte: Es ist das früheste Stammbuch einer Frau im Bestand des Archivs.

Das erste, was ins Auge sticht, sind die Illustrationen. Neben gedruckter Massenware englischer und französischer Herkunft finden sich vier kolorierte Stiche mit Ulmer Motiven aus dem Jahr 1794. Das Prunkstück aber ist ein bislang unbekanntes Original-Bildchen des Ulmer Malers Nikolaus Kleemann.

Das zweite, das auffällt, ist die Häufung prominenter Namen - ein Whos Who der späten Reichsstadtzeit. Darunter befinden sich Johann Martin Miller, damals deutschlandweit bekannt durch seinen Bestseller "Siegwart, eine Klostergeschichte" (1776), Johann Christoph Schmid, Verfasser des ersten Schwäbischen Wörterbuchs (1819) und Johannes Kern, Herausgeber des "Schwäbischen Magazins zur Beförderung der Aufklärung". Sie alle drei stellt der Berliner Aufklärer Friedrich Nicolai in seiner "Beschreibung Ulms" aus dem Jahr 1795 als herausragende Köpfe vor. Ebenfalls eingetragen hat sich Christoph Leonhard Wolbach, der später der erste von der Ulmer Bevölkerung gewählte Oberbürgermeister werden sollte.

Ungewöhnlich ist das Stammbuch aber vor allem, weil sich anhand der Einträge von Verwandten und Freunden ein Kapitel in der Biografie der ansonsten vergessenen jungen Besitzerin nachvollziehen lässt. Allerdings sind die insgesamt 66 Widmungen nicht in zeitlicher Reihenfolge erfolgt, sondern wild durcheinander. Ordnet man sie chronologisch, lässt sich daraus folgende Geschichte zusammenfügen:

Im Frühjahr 1795 schenkt Regina Catharina Holl ihrer Nichte Louise Mündler ein Stammbuch. Anlass ist, dass die junge Dame Ulm verlassen und nach Halle ziehen wird. Im März sammelt sie bei Freunden und Verwandten 19 Einträge, im April weitere 11, im Mai nur 2, aber im Juni, vor ihrer Abreise, noch einmal weitere 23.

Die meisten folgen dem klassischen Schema: Oben steht eine tiefsinnige Lebensweisheit mit Ermahnungs-Charakter, manchmal selbstgedichtet, und darunter die Widmung, aus der die Beziehung zur Stammbuch-Inhaberin hervorgeht. Johannes Kern etwa fasst sich kurz: Sey klug, wie die Schlange, und ohne falsch, wie die Taube.

Zum Andenken von einem wahren Freund deines so früh in seine Heimat gegangenen Vaters.

Ganz nebenbei erfahren wir also, dass Louisens Vater bereits gestorben ist. Weitere Einträge, die sich weniger ans klassische Muster halten und stärker persönlich gefärbt sind, verraten noch mehr. Aus einem Gedicht eines der beiden Brüder Louise Mündlers etwa geht hervor, dass auch die Mutter schon lange tot ist, die Kinder also Vollwaisen waren.

Und nun kommt der spätere Ulmer Oberbürgermeister Christoph Leonhard Wolbach ins Spiel: Erinnere dich hiebey an die vergnügte Stunden, die wir in dem Hauße unserer gemeinschaftlichen Pfleg Eltern untereinander zugebracht haben, schreibt er und gibt damit zu erkennen, dass Louise und er Schicksalsgenossen waren. Tatsächlich war Wolbachs Vater im Oktober 1783 gestorben - sieben Monate nach der Geburt seines Sohnes, der bei Louises Abschied 12 Jahre alt war.

Waisen brauchten einen Vormund, und von dem - es war der "geheime Secretaire" Frik - stammt einer der ersten Einträge: Du warst von dem Tode deines mir unvergesslichen rechtschaffenen Vatters an meiner Aufsicht und Pflege anvertraut. Da dich aber die göttliche Vorsicht nunmehro von deinem Vatterland entfernt und dir freudige Aussichten in die Zukunft öfnet, so zieh hin in jenes bessere Land und nimm meinen Seegen und meinen herzlichen Wunsch mit, dass es dir immer wohl gehen möge.

Demnach scheint der Ortswechsel zumindest nicht gegen den Willen Louises erfolgt zu sein. Diese Vermutung bestätigt das Gedicht ihrer trauernden Schwester Sibille: Gott, du hast uns getrennet!

Zwar ist ihr beßres Looß

von mir ihr gern gegönnet;

doch meinVerlust ist groß.

Warum das Mädchen nach Halle ziehen sollte und zu wem, verrät ihr Onkel väterlicherseits: Mein liebes Luißgen! Schon in deiner zarten Jugend lernst du die sonderbaren Würkungen der göttlichen Vorsehung kennen; von einer weiten Entfernung her bietet sich dir eine edel denkende Freundin deiner verewigten Mutter alß Erzieherin - alß Versorgerin - alß zweyte Mutter dar; verkenne nicht dieße Spuren der Vorsorge deß Göttlichen Vatters aller Wayßen! Dieser Onkel ist übrigens der einzige, der seinen atypischen Eintrag selbstkritisch als nicht Stammbuch-gemäß bezeichnet. Er entschuldigt dies damit, dass er seine Nichte vielleicht nie wiedersehen wird.

Wann Louise in Halle ankam, geht aus dem Eintrag von Johann Martin Miller am 12. Juli 1795 hervor. Er war ihr Onkel mütterlicherseits und hatte sie gemeinsam mit ihrer Base Anna Maria Kindervatter, geb. Miller, dorthin begleitet. In seinem Abschiedstext bezeichnet sich der berühmte Dichter unheilschwanger als bald vermuthlich für diese Welt auf immer von dir scheidender treuer Oncle. Er lebte dann aber doch noch 19 Jahre weiter.

Wie es Louise in Halle erging, bleibt dunkel. In den folgenden zwölf Jahren sammelte sie dort insgesamt noch fünf Einträge. Im letzten vom Februar 1807 schreibt eine Freundin etwas von Trennung. Hat Louise Halle damals verlassen? Die letzten vier Einträge von 1809 bis 1820 stammen aus Rendsburg, Lüneburg und Kiel; dort bezeichnet sie ein Professor K. L. Rahben als die treffliche Gattin seines theuren Freundes und ehemaligen Collegen.

Diese und eine weitere Widmung zeigen: Das Stammbuch hatte mittlerweile den Charakter eines Gästebuches angenommen, in dem man sich bedankte für die Liebe und Güte während meines Aufenthalts bey Ihnen, so schreibt eine Julie Maßmann am 29. Juli 1820. Das ist der letzte Eintrag - der aber an allererster Stelle im Stammbuch steht.

Und wer hat sich als allererster eintragen dürfen? Es war ein junger Mann namens Johann Michael Frick, der als "dein dich liebender Freund" unterzeichnet und sich nicht als Verwandter ausweist. Vielleicht war es der Sohn des Vormunds. Sein Gedicht kündet jedenfalls von wahrer Freundschaft:

Der Freund, der mir den Spiegel zeiget, / Den kleinsten Flecken nicht verschweiget, / Mich ernstlich warnt und liebreich schilt, / Wenn ich nicht meine Pflicht erfüllt, / Das ist ein Freund, / So wenig er es scheint.