Anklage Prozess um sexuellen Missbrauch einer Neunjährigen: Druck nicht ausgehalten

Von Bernd Rindle 16.09.2017
Sexueller Missbrauch einer Neunjährigen oder nicht? Im Verfahren gegen einen 38-Jährigen hat das Landgericht Memmingen mehrere Zeugen gehört.

Hat sich der Angeklagte an der neunjährigen Tochter seiner Freundin mehrfach brutal sexuell vergangen oder ist der Vorwurf ein Konstrukt kindlicher Phantasie – mit dem Ziel, von der Mutter weg zu kommen, um künftig beim getrennt lebenden leiblichen Vater wohnen zu dürfen? Das umschreibt grob die Gemengelage, mit der sich die Große Jugendkammer des Landgerichts Memmingen bei der Wahrheitsfindung zu befassen hat.

Dazu hat der 38-jährige gelernte Fertigungsmechaniker bislang nichts beigetragen, obwohl, oder gerade weil er massiven Vorwürfen ausgesetzt ist. Laut Anklageschrift der Staatsanwaltschaft soll er das Kind innerhalb eines Jahres mehrfach in der gemeinsamen Neu-Ulmer Wohnung sexuell missbraucht und dabei auch Gewalt angewandt haben, um sein Opfer gefügig zu machen. Die Übergriffe hätten immer dann stattgefunden, wenn die Mutter aus dem Haus und er mit dem Kind allein war.

Kind hielt Druck nicht mehr aus

Das ging offenbar so lange, bis das Mädchen den Druck nicht mehr aushielt. Als die Mutter gerade anschickte, mit Freundinnen zum Feiern in die Stadt zu gehen, sei es aus dem Kind regelrecht herausgebrochen, wie eine Zeugin vor Gericht aussagte. In Tränen aufgelöst habe sie ihrer Mutter gesagt: „Du weißt gar nicht, was er macht, wenn du nicht da bist.“ Was er immer getan haben soll, machte das Kind den Frauen in Worten und Gesten plastisch deutlich. Hernach sei ihr die Erleichterung, endlich darüber gesprochen zu haben, anzumerken gewesen, sagte die 21-Jährige im Zeugenstand.

Angesichts der Ungeheuerlichkeit der geschilderten Taten sah sich auch die Großmutter des Mädchens gehalten, dem Wahrheitsgehalt auf den Grund zu gehen, obwohl sie von dem angeklagten Ex-Verlobten ihrer Tochter nicht viel hält: „Ich hätte mir, ehrlich gesagt, jemand anderen gewünscht.“ Was ihre Enkelin betrifft, sei die zwar „ein bisschen fahrig“, aber gewiss keine Lügnerin. Nach einer Unterredung auf einem Spielplatz war sie sich sicher, „dass sie die Wahrheit gesagt hat“ und die Geschichte nicht erfunden habe, um fürderhin bei ihrem leiblichen Vater wohnen zu können, den sie „sehr liebt“. Die Frage von Richter Jürgen Hasler, ob das Kind denn zum Übertreiben neige, verneinte die Zeugin.

Klassenlehrerin sagte aus

Die ehemalige Klassenlehrerin hat eine Verhaltensveränderung bei ihrer eigentlich „liebenswerten“ Schülerin festgestellt, die „hoch erregbar“ geworden sei und „schnell ausflippt“, was bisweilen zu Konflikten mit Mitschülern geführt habe. Auch sei ein Nachlassen der Leistungen bemerkbar gewesen, was die Lehrerin auf „den Vorfall“ zurückführt. Das Kind hatte sie aufgrund des guten Verhältnisses ins Vertrauens gezogen, allerdings ohne ins Detail zu gehen. Weiter insistieren wollte sie nicht, zumal sie keine Psychologin sei.

Die kommt kommenden Montag beim Vortrag ihres Gutachtens zu Wort. Ihre Erkenntnisse werden auch zu der Entscheidung beitragen, ob dem Kind eine Aussage vor Gericht erspart bleiben wird oder nicht.