In diesem Jahr feiern viele evangelische Gemeinden 500 Jahre Reformation. Die Neu-Ulmer Innenstadtgemeinde kann aber selbst noch einen runden Geburtstag draufpacken: 150 Jahre Petruskirche. „Wir mussten schauen, dass unser eigenes Jubiläum nicht untergeht“, berichtet Pfarrerin Karin Schedler von den ersten Überlegungen. Inzwischen jedoch besteht keine Gefahr mehr: Die Festwoche vom 15. bis 23. Juli ist gut gefüllt (siehe Info-Kasten).

Herzstück ist die Ausstellung und Festschrift „150 Jahre evangelische Stadtkirche Neu-Ulm“. Darin wird die Entstehung und Entwicklungsgeschichte des Gotteshauses und des Gemeindelebens von 1867 bis heute beschrieben. „Sie atmet Lebensgeschichten“, findet Pfarrerin Karin Schedler, die die Gemeinde jetzt genau zehn Jahre lang leitet.

Nach knapp vierjähriger Bauzeit wurde die Kirche am Petrusplatz am 25. August 1867 eingeweiht. Der Entwurf stammt vom königlichen Kreisbaumeister Georg Freiherr von Stengel, von dem auch die benachbarte katholische Kirche St. Johann stammt (die dann 1922 bis 1926 von Dominikus Böhm umgestaltet wurde). Stengel gab dem stattlichen Backsteinbau einen neogotischen Charakter: Fenster, Türme und Gewölbe haben Spitzbögen. Der Grundriss ist fast quadratisch.

Verlust der „Stadt Athen“

Die ursprünglichen Wandmalereien im Altarraum verschwanden bei der ersten Renovierung 1927. Die verheerenden Bombenangriffe am 1. und 4. März 1945 legten große Teile der Neu-Ulmer Innenstadt in Schutt und Asche – darunter auch das frühere Gemeindehaus, die „Stadt Athen“ –, aber die Kirche selbst blieb stehen und schien relativ unbeschadet. Das wahre Ausmaß der Schäden wurde erst im Laufe der Jahre offenbar und machte 1970/71 eine umfangreiche Renovierung nötig, die auch für weitreichende Umbauten genutzt wurde.

Revolutionärer Umbau

Um im Untergeschoss neue Gemeinderäume einzubauen, wurde der Boden des Kirchenraums angehoben; der neue Altar von Bildhauer Karlheinz Hoffmann kam in die Mitte des Kirchenschiffs (der alte steht seither in Koblenz); die farbigen Kirchenfenster von Wilhelm Geyer wurden in den Vorraum versetzt, an ihrer Stelle wurden Klarglasfenster eingesetzt; statt Bänken wurden Stühle angeschafft; außerdem bekam die Kirche eine neue Eingangshalle angebaut.

„Dieser Umbau mit dem gemeindezentrierten Altar war damals revolutionär“, sagt Karin Schedler. Er legte den Grundstein für die heutige Wirkung der Petruskirche. „Manche Besucher finden, dass einen der Raum umarmt in seiner Offenheit.“ Dazu trägt auch bei, dass sich der Altar komplett wegräumen lässt und statt eines Kruzifixus das „Auferstehungskreuz“ (ebenfalls von Hoffmann) im Zentrum hängt. Die Wände sind komplett weiß, ohne jeden Schmuck.

Die Offenheit nutzt die Gemeinde seither nicht nur räumlich – „wir haben für Jugendgottesdienste mal alles mit Tischen und Stühlen möbliert“, erinnert sich Schedler –, sondern auch in Bezug auf das vielfältige Gemeindeleben: „Es ist wichtig, die Kinder nicht zu vergessen – und sie nicht als störend im Gottesdienst zu sehen“, betont die Pfarrerin. Die Arbeit der beiden Petrus-Kitas Jona-Insel und Zachäus-Nest (mit 250 Plätzen und 80 Mitarbeitern) ist ein wichtiger Baustein des Gemeindelebens.

Dialog mit Muslimen

Weitere sind die Arbeit mit Jugendlichen, mit Flüchtlingen und Aussiedlern, die Ökumene und der Dialog mit den Muslimen. Dazu gehören auch Diakonieverein, Bibel- und Hauskreise, Besuchsdienst, Espresso-Seminare, Markt- und Samstags-Treff, Montagsrunde und die Seniorenarbeit.

Ein Charakteristikum von Petrus ist, dass „wir eine musikbetonte Gemeinde“ sind. Von rund 4200 Gemeindemitgliedern machen etwa 200 aktiv Musik in den verschiedenen Ensembles. Auch die feiern heuer runde Geburtstage und gestalten am Samstag, 15. Juli, ein „Jubiläen-Konzert“: 500 Jahre Reformation, 150 Jahre Petruskirche, 125 Jahre Kantorei, 70 Jahre Kammerorchester, 45 Jahre Simon-Orgel. Darüber hinaus gibt es noch den Gospel- imd den Posaunenchor.

Bei der Vorbereitung von Ausstellung und Festschrift waren federführend Barbara Bauer und Hans-Peter Thomas als Sammler des Materials tätig, dafür zollt ihnen Karin Schedler großes Lob. Gleiches gilt für Sabine Weinert-Spieß und Hans Werner Spieß von Spieszdesign für die graphische Aufbereitung. Die beiden haben übrigens eine Punktlandung hingelegt: Die Festschrift hat 150 Seiten.

Leuchtender Höhepunkt

Einen leuchtenden Höhepunkt der Festwoche setzt die Petrusgemeinde am Samstag, 22. Juli: Bei der traditionellen Lichterserenade auf der Donau werden 150 eigens gestaltete Lichter mit transluzentem Logo zu Ehren der Petruskirche aufs Wasser gesetzt, damit sie im rot-gelben Lichtermeer mitschwimmen.

Info Die Festschrift „150 Jahre evangelische Stadtkirche Neu-Ulm – Ein Spaziergang durch Raum und Zeit“ ist ab 16. Juli zu haben. Sie kostet 9,50 Euro und ist erhältlich im Pfarrbüro, Petrusplatz 8, und bei der Neu-Ulmer Buchhandlung Schmiedel und Gruss.

Programm der Festwoche vom 16. bis 23. Juli


Jubiläum Die evangelische Petrusgemeinde Neu-Ulm feiert das 150-jährige Bestehen ihrer Kirche mit einem bunten Programm. Auftakt ist am Sonntag, 16. Juli, 10 Uhr, mit einem Festgottesdienst „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“. Gleichzeitig findet ein Kindergottesdienst statt. Anschließend wird die Ausstellung „150 Jahre evangelische Stadtkirche Neu-Ulm“ eröffnet, die dann bis 23. Juli täglich von 10 bis 17 Uhr bei freiem Eintritt zu sehen ist.

Konzert Die Ensembles der Petruskirche gestalten ein großes Jubiläen-Konzert am Samstag, 15. Juli, 19.30 Uhr in der Kirche.

Führung Einen „Spaziergang durch Raum und Zeit“ gibt es am Dienstag, 18. Juli, 19 Uhr: Barbara Bauer erläutert die Geschichte der Petruskirche in einer Wanderung durch den Kirchenraum, musikalisch begleitet von Wolfgang Gütinger. Zwischendurch liest Ute Kling Auszüge aus Predigten und Zeitungsberichten. Anschließend ist geselliges Beisammensein.

Kita-Arbeit Die beiden Kitas der Petruskirche feiern am Donnerstag, 20. Juli, 17.30 Uhr ihren Jahresabschluss-Gottesdienst in der Kirche. Dabei werden auch die Vorschulkinder gesegnet.

Turmbesteigung Am Samstag, 22. Juli, ist von 8.30 bis 9.30 Uhr „offene Segenszeit“ in der Sakristei, dem schließt sich von 9 bis 12 Uhr der Samstags-Treff an. Um 10.30 und 11.30 Uhr ist Turmbesteigung und Dachbodenerkundung mit Pfarrerin Karin Schedler. Treffpunkt ist außen vor dem Turmeingang. Bei der Lichterserenade ab 21.30 Uhr auf der Donau schwimmen 150 Lichter der Petruskirche mit.