Schutz Fachkräfte kümmern sich um geflüchtete Frauen und Kinder

Ulrike Schleicher 05.12.2016

Auf der Flucht löst sich alles auf, was Sicherheit und Geborgenheit bedeutet. Man lässt die Wohnung zurück, seine Nachbarn, seine Umgebung, seine Freunde. Zuallererst aber bröckelt der Bund der Familie. Für Frauen ist diese Erfahrung nicht nur besonders traumatisch, ihre Ängste um die Zukunft, Wohnung, Geld und vor allem um ihre Kinder setzen sich fort. Auch wenn sie in den objektiv sicheren Flüchtlingsunterkünften untergekommen sind.

Wie sich das auswirkt, erfahren die Heilerzieherin Sandra Weber und die syrisch-stämmige Psychologin Roul Alzaaboutie bei ihrer Arbeit in Ulms größter Flüchtlingsunterkunft in der ehemaligen Hindenburg-Kaserne. Seit Juli  setzen die beiden sowie die Hausleiterin Tanja Wellershoff und Regina Konz, Leiterin der Familienhilfe bei der Caritas, dort ein spezielles Konzept zum Schutz für Frauen und Kinder um.  Es ist ein Modellprojekt des Bundesfamilienministeriums, das bundesweit in 25 Städten in verschiedensten Unterkünften verwirklicht wird.  Für die Umsetzung in Ulm ist die Caritas verantwortlich, die das Projekt auch finanziell unterstützt.

Weber und Alzaabouti sind vor allem da, um den Frauen zuzuhören und sie an die richtigen Stellen zu vermitteln, falls es bürokratische Probleme gibt. „Wir haben zweimal in der Woche Sprechzeiten in einem extra eingerichteten Raum, der eine familiäre Atmosphäre vermitteln soll.“  Zu Beginn seien sie aktiv auf die Geflüchteten zugegangen, um sie einzuladen. Inzwischen kommen die meisten von allein. Trotzdem sei es schwer ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, unterstreicht Roul Alzaabouti. Da helfe auch nicht, dass sie Syrisch spreche. „Wir machen kleine Schritte.“  Mehr sei nicht zu erwarten und verständlich: Die Frauen sind traumatisiert durch den Krieg, ihre Erfahrungen auf der Flucht. Auch in den Unterkünften fühlen sie sich oft nicht wohl. Das Leben in Räumen ohne Privatsphäre, die fremde Kultur mit ihren Werten und Normen belaste.

„Ihre Ängste drücken sich oft in körperlichen Beschwerden aus“, sagt die Psychologin: „Sie haben Kopfschmerzen, Rückenweh und so weiter.“ Auch hätten viele Fragen, wenn sei schwanger seien: „Sie fühlen sich allein.“ In Syrien waren Mutter und Großmutter da, um Antworten zu geben.  „Die Unsicherheit ist groß“, sagt Sandra Weber. Zwar tauschten sich die Geflüchteten aus. Aber das habe trotz des gleichen Schicksals und kulturellen Hintergrunds Grenzen. „So offen ist man Zuhause ja auch nicht zu Fremden.“

Also finden die beiden erst einmal heraus, was die Frauen brauchen. Etwa eine Küche in der Unterkunft, in der nur Frauen kochen. Ziel ist, ihnen einen Alltag  zurückzugeben, der ihnen helfe, mit der Situation besser zurecht zu kommen.

Neben den Gesprächen werden die Frauen über ihre Rechte und die von Kindern in Deutschland informiert. „Eine Hebamme kommt regelmäßig hierher und kümmert sich“, zählt Regina Konz auf. Und eine Gruppe von Osteopathen besuche die Unterkunft und behandle Frauen und Kinder. „Und wir bieten einen Kunstworkshop sowie einen Frauentreff mit Nähstube an.“

Zunächst bedeutet das Modell aber auch eine Menge formaler Dinge. „Es geht um Mindeststandards in den Unterkünften“, sagt Regina Konz. Wie zum  Beispiel: Gibt es eine Hausordnung in der Unterkunft? Oder: Werden von den Mitarbeitern Führungszeugnisse verlangt? Oder: Gibt es kinderfreundliche Orte? Und wie sieht die Personalstruktur generell aus?  Diese Bestandsaufnahme wird ausgewertet. „Wir haben Glück hier“, sagt Sandra Weber: „Zum einen bestehen einige notwendige Strukturen schon, zum anderen zieht die Hausleitung an einem Strang.“

Im kommenden Jahr – der Bund hat bereits beschlossen, das Modellprojekt weiterzuführen und subventioniert es mit 40 000 Euro – soll dann das Schutzkonzept vervollständigt werden. Es wird ein reiner Frauensprachkurs eingerichtet und „wir wollen mehr kinderfreundliche Orte“, zählt Regina Konz auf.

Und unter anderem werden die Mitarbeiter geschult und  „wir besuchen andere Einrichtungen, etwa im Alb-Donau-Kreis, um unsere Erfahrungen weiterzugeben“. Am Ende solle das Schutzkonzept flächendeckend in allen Flüchtlingsunterkünften umgesetzt sein.

500 Menschen in der Hindenburgkaserne

Zahlen Rund 500 geflüchtete Menschen wohnen in den Gebäuden der ehemaligen Hindenburg-Kaserne. 16 Familien mit insgesamt 35 Kindern befinden sich darunter sowie zwei allein reisende Frauen, der Rest sind allein reisende Männer auch aus afrikanischen Ländern. Pro Monat bekommt Ulm derzeit zwischen fünf und zehn Flüchtlinge zugewiesen. Die Verwaltung liegt in den Händen der Stadt. Neun Sozialarbeiter aus allen Wohlfahrtsverbänden sind vor Ort und auf jeweils ein Gebäude verteilt.