Ulm / Von Alexander Krüger, Jugendreporter

Stellung beziehen, Argumente vortragen und klaren Ausdruck zur Geltung bringen – darum geht es bei „Jugend Debattiert“. Zu Beginn der Woche fanden die Finals der Region Ulm statt, wie immer begleitet von vielen Emotionen.  Alle Jahre wieder ist es ein spannender Wettstreit zwischen den Ulmer Gymnasien. Auch in diesem Jahr stellten 34 Ulmer Schüler in zwei Altersklassen ihr Qualitäten in der Redekunst unter Beweis.

 In erster Instanz wurde beim Vorfinale am Montag im St. Hildegard-Gymnasium debattiert, am Dienstagabend standen sich dann die vier besten jeder Altersklasse in der Sparkasse Neue Mitte gegenüber. In jeder Debatte diskutieren vier Schüler miteinander. „Zwei argumentieren für eine Neuerung, die beiden anderen halten am Status quo fest“, sagt Alexander Klein, der Ulmer Koordinator des Wettbewerbs.

Trotz Startschwierigkeiten mit der Software klappte der Vorentscheid fast reibungslos. Viele Klassenkameraden und Lehrer begleiteten ihre jeweiligen Schulsieger zum St.-Hildegard-Gymnasium, um zu unterstützen und mitzufiebern. In der Sekundarstufe I setzten sich Siegerin Jule Kessler und Laura Kiehne (beide Humboldt-Gymnasium) gegen  14 Mitstreiter durch.

Scharfe Fragen

Bereits in der Vorrunde an der Mädchenschule argumentierte Jule souverän für die Erhöhung von Bußgeldern für die Verschmutzung des öffentlichen Raumes sowie gegen die Einführung einer Kennzeichnungspflicht für Fleisch aus Massentierhaltung. Mit Fragen kritisierte sie die Vorschläge ihrer Gegner: „Wer definiert überhaupt Massentierhaltung?“, so die Schülerin.

Beim Finale setzte sie mit der Zweitplatzierten Laura Kiehne klare Aspekte dafür, dass zukünftig das Auswendiglernen von Gedichten verbindlich auf dem Lehrplan stehen sollte. „Das stärkt die Konzentrationsfähigkeit“, behaupteten die beiden.

Als klare Favoriten starteten Hendrik Köhler und Elias Kormann in der Sekundarstufe II in den Wettbewerb. Im vergangenen Jahr hatten beide zusammen erfolgreich für die Einführung regionaler Dialekte im Deutschunterricht plädiert. Aber auch sie mussten sich erst einmal für das Finale qualifizieren: In der Hinrunde debattierte Hendrik für Ausweitung der Zeiten, in denen öffentliche Schwimmbäder ausschließlich Frauen offen stehen.

Schon in der Rückrunde traf er auf Kormann auf der Gegenseite, als er sich gegen eine Jugendquote in Gemeinderäten aussprach. „Jugendliche lassen sich zu leicht beeinflussen“, meinte Hendrik, der von der Hildegard-Jury vor allem wegen seines hervorragenden Ausdrucks gelobt wurde.

Beide schafften es dann ins Finale der Neuen Mitte und trafen dort erneut aufeinander. Elias Kormann vertrat zusammen mit Nils Böck vom Anna-Essinger-Gymnasium die These, dass in Innenstädten das Betteln zukünftig verboten werden sollte. Hendrik Köhler positionierte sich mit Joanna Park gegen diese Regelung. „Warum sollte man Bettlern ihre einzige Lebensgundlage entziehen?“, stellten die beiden in den Raum.

Köhler stellte nach der Debatte klar: „Bei diesem Thema geht es sehr viel um den Grundsatz Menschlichkeit. Ist ist schwer, immer auf einer sachlichen Ebene zu bleiben.” Bemerkenswert dabei: Trotz heftigen Widerspruchs innerhalb der Debatte plauderten die Kontrahenten Köhler und Kormann hinterher locker miteinander. Zu Beginn hätten sie sich sogar gemeinsam darauf vorbereitet, meint Elias Kormann. „Es war freundschaftlich”, sagt der Schüler, „wie bei einem Hochzeitspaar. Das darf sich kurz vor der Hochzeit auch nicht sehen, dafür ist es währenddessen umso schöner.”

Streit nur um die Sache

Dass es beim Debattieren um mehr geht als den bloßen Schlagabtausch von Argumenten, weiß auch Deutschlehrerin Simone Casper, die den Wettbewerb am Anna-Essinger-Gymnasium mit veranstaltet. Es gehe nicht darum, den Gegner zu besiegen: „Man streitet um eine Sache, weniger mit seinem Kontrahenten.“

Groß war die Spannung vor der Entscheidung der Jury. Nach langer Beratung erklärte diese Hendrik Köhler wie schon im Vorjahr zum Sieger des Wettbewerbs, Zweite wurde Joanna Park. Doch nachdem das Ergebnis der Sekundarstufe II verkündet wurde, war die Anspannung im Publikum spürbar. Nicht wie in den letzten Jahren wegen des Ergebnises, sondern wegen der Rückmeldung der Juroren.

Lehrerin Casper kritisiert: „Die Jury ging viel zu sparsam mit positivem Feedback um.“ Schüler sollten mit einem positiven Gefühl aus der Debatte gehen, so die Pädagogin: „Zu einer Debattenkultur gehört auch eine Feedbackkultur, die gezeigte Leistung in allen Facetten würdigt.“ Pro Altersstufe haben sich die beiden Besten für das Landesfinale am 24. März in Stuttgart qualifiziert – zusätzlich gibt’s schon in zwei Wochen ein Rhetorikseminar. Da kann man den Debattanten nur viel Erfolg in Stuttgart wünschen, und vor allem eine freundschaftliche Debatte!

So läuft es ab

Der Wettbewerb „Jugend Debattiert“ wird seit 2001 veranstaltet von der Hertie-Stiftung. Vom Schulfinale geht es auf verschiedenen Stufen bis zum Bundesfinale. In Ulm ging es um das Ticket ins Landesfinale nach Stuttgart.

Die Debatte Es debattieren immer vier Schüler: Zwei vertreten die Pro-Seite, die der Streitfrage zustimmen und deswegen einen Änderungsvorschlag einbringen. Die Contra-Seite hält am Ist-Zustand fest und soll den Vorschlag der Pro-Seite kritisch hinterfragen.

Das Debattanten Schüler der achten und neunten Klasse debattieren in der Sekundarfstufe I, ab Klasse zehn in der Sekundarstufe II. Durch Zufall werden sie der Pro- oder der Contra-Seite zugewiesen.

Der Ablauf Jeder Schüler hat zwei Minuten in der Eröffnungsrede Zeit, um seine Argumente vorzubringen. Danach folgt über zwölf Minuten die freie Aussprache, in der Argumente diskutiert, belegt und zerlegt werden. In der Schlussrunde gibt es zwei Minuten für ein Schluss-Statement.

Das Urteil Über ein Punktesystem bewertet die Jury Gesprächsfähigkeit, Überzeugungskraft, Sachkenntnis und Ausdrucksvermögen und gibt ein Feedback.