Ulm Datenautobahn fürs Donautal

Markus Haut mit dem in der Küfergasse entwickelten System Traveltronic. Die Empfangseinheit verfügt über eine Sat-Schüssel sowie mehrere Mobilfunkantennen und kann auf das jeweils beste und billigste Signal umschalten.
Markus Haut mit dem in der Küfergasse entwickelten System Traveltronic. Die Empfangseinheit verfügt über eine Sat-Schüssel sowie mehrere Mobilfunkantennen und kann auf das jeweils beste und billigste Signal umschalten. © Foto: Matthias Kessler
Ulm / FRANK KÖNIG 04.07.2014
Der sonst in Afrika tätige Satkom-Spezialist Level 421 will mit Funktechnik schnelles Internet in schlecht versorgte Gewerbegebiete bringen. Es gibt dafür eine neue Antenne auf dem Hochregallager von Seeberger.

Youtube-Videos anschauen, Musik runterladen, Mails mit hochauflösenden Fotos versenden oder empfangen - dafür ist ein schneller Internetanschluss nötig, der jedoch auf dem Land, aber auch am Stadtrand, oft nicht verfügbar ist: weil das entsprechende Glasfaserkabel fehlt. Eine Alternative ist Internet über Funk, wie es jeder Besitzer eines Smartphones nutzt und in Ulm auch der sonst in Afrika tätige Satkom-Spezialist Level 421 anbietet: nun auch im Umfeld von Seeberger.

Markus Haut von Level 421 hat einerseits internationale Projekte laufen - darunter das System Traveltronic für Schiffe, aber auch Fahrzeuge in entlegenen Gebieten und Flugzeuge. Die Empfangseinheit schaltet automatisch vom Satelliten auf den billigeren Mobilfunk um, wenn eine terrestrische Antenne in Reichweite kommt: also bei Schiffen in Küstennähe und im Hafen oder bei Flugzeugen zunehmend über Land.

Gleichzeitig verfolgt Haut seinen Plan weiter, "etwas für die Region zu tun", auch wenn er sich in Sachen Hotspots mit dem Ulmer Rathaus angelegt hat, das mit einem aus seiner Sicht überteuerten Projekt die städtische Tochter Telenet ins Brot setzen wollte (siehe Infokasten). Haut hat daher das Projekt UIm-Connect ins Leben gerufen, das über den ersten Gratis-Hotspot bei Abt am Münsterplatz hinaus längst weitere Projekte angeht.

Dazu gehört die Antenne auf dem fast 40 Meter hohen Dach des neuen Seeberger-Hochregallagers, von dem aus Ulm-Connect das Donautal, jedoch auch angrenzende Teilorte mit Sichtverbindung wie Wiblingen, Donaustetten, Einsingen, Eggingen, Ermingen, Grimmelfingen sowie das Hochsträß und das Wohngebiet südlich des Egginger Wegs versorgen kann. Und zwar nach Hauts Angaben mit einer sehr hohen Geschwindigkeit von zwei Gigabit pro Sekunde. Für Privatkunden üblicher Anbieter gibt es im Höchstfall 100 bis 200 Megabit.

Im Industriegebiet sind nach Hauts Worten bei der Telekom bisher 16 Megabit pro Sekunde viel. Firmen, die echten Breitband-Speed ab 50 Megabit erreichen wollten, müssten sich in abgehängten Quartieren ein extra Glasfaserkabel ins Haus legen lassen. Die Telenet ist aber ebenfalls schnell. Im Umfeld von Seeberger - also auch für das Café - richtet Ulm-Connect ähnlich wie bei Abt einen kostenlosen Hotspot mit 30 Minuten Surfzeit ein.

Die eigentliche Internet-Diaspora befindet sich aus Hauts Sicht aber nicht in Ulm, wo über die Telekom hinaus die zu den Stadtwerken gehörende Telenet verstärkt im Einsatz ist, sondern in Neu-Ulm, wo vor allem Gewerbegebiete teilweise schlecht angeschlossen seien. Hier verfügt Ulm-Connect mit der Geschäftsstelle von Basketball Ulm über einen namhaften Referenzkunden. Es gibt zudem Pläne, Betrieben an kabelmäßig schlecht angebundenen Standorten in Neu-Ulm mittels eines starken regionalen Partners schnelles Internet per Funk zu liefern. Im Steinhäule an der Donau hat Ulm-Connect zuletzt auch die Golfanlage "New Golf Lounge" ans Internet angebunden und dabei wertvolle Erfahrungen mit deutschen Statik-Vorschriften gesammelt - in Afrika läuft es etwas lockerer. So mussten Haut und sein Team für die Antenne einen zehn Meter hohen Turm inklusive Fundament bauen. Das System läuft autark mittels in Afrika getesteter Sonnen- und Windenergie und liefert den Golfspielern, darunter auf Internet-Zugang angewiesenen Geschäftsleuten, freies Internet per Funk.

Mit einem Flyer richtet sich Ulm-Connect neuerdings auch stärker an Privathaushalte - mit Einstiegspreisen von monatlich 9,95 Euro, plus Hardware-Miete. Dabei erhalten die Nutzer eine Empfangsbox, für die nach Hauts Worten neueste Funktechnik verwendet wird.

Ulm-Connect hat zuletzt auch den Hotspot bei Abt in Richtung Platzgasse verbessert. Seit Inbetriebnahme vor knapp einem Jahr haben hier fast 30 000 Nutzer auf das Internet zugegriffen, davon 60 Prozent Ausländer - bis aus China, Korea, Australien und sogar Papua-Neuguinea. Sie müssen sich auf ihr Handy einen Freitschaltcode schicken lassen, so dass in der Statistik die Ländervorwahl sichtbar wird. Haut bedauert, dass nach wie vor kein Hinweisschild am Münsterplatz angebracht werden kann, auch für den Weihnachtsmarkt sei das wichtig.

In Afrika ist das 13-Mann-Unternehmen Level 421 mit laufenden Projekten im Kongo, in Nigeria und Mauretanien beschäftigt. Dabei geht es beispielsweise darum, Bergwerksminen ans Internet anzuschließen - über eine Satellitenverbindung, die im Ulmer Norden aufläuft und via Küfergasse am Knotenpunkt Frankfurt eingespeist wird.

Am Standort Küfergasse hat Haut auch die Prototypen für Traveltronic entwickelt - eine komplexe Kombination aus Antennen, die unter einer kleinen Radarkuppel untergebracht wird. Das Tochterunternehmen wird jedoch auf Wunsch von Co-Investoren nach Dubai verlegt, wo Haut auch eine Genehmigung als virtueller Netzbetreiber erhalten hat, die von der Bundesnetzagentur anscheinend nur schwer erhältlich ist. Er hat für Traveltronic weltweit 535 Mobilfunk-Betreiber unter Vertrag, auf die Schiffe, aber auch Flugzeuge zugreifen können. Vor allem bei Fluglinien sehen die Macher von Traveltronic einen Markt der Zukunft. Einzelne Airlines bieten ihren Fluggästen heute schon Zugriff aufs Internet an, Haut will dies sogar für Billigflieger passend machen. Dazu laufen Verhandlungen mit Mobilfunk-Konzernen, damit sie zusätzliche Antennen Richtung Himmel richten. Dann ist keine teure Sat-Verbindung mehr notwendig, die jedoch zugeschaltet werden kann. Haut: "Wir nehmen den Satelliten als Booster." Während Traveltronic also am Flughafen in Dubai sitzt, soll die Fertigung an einen Standort in Asien verlegt werden.

Stadt plant vier City-Hotspots: Ausschreibung statt Vergabe an Telenet

Hotspots Die Stadt wollte ihre Tochter Telenet 2013 mit dem Aufbau kostenloser Hotspots in der City beauftragen. Kosten der Infrastruktur: 165 000 Euro plus jährliche Kosten von etwa 20 000 Euro. Level 421 beschwerte sich beim Regierungspräsidium in Tübingen wegen Wettbewerbsverzerrung.

Alternative Für dieses Geld könne er ganz Mogadischu (Somalia) per Funk ans Internet anschließen, sagte Firmenchef Markus Haut beim vor allem in Afrika tätigen Satkom-Spezialisten Level 421. Die Firma in der Küfergasse hätte das Projekt nach seinen Worten für nur 80 000 Euro realisieren können.

Lage Die Stadt möchte keinem privaten Anbieter Zugang zu ihren Dächern verschaffen. Um rechtliche Auseinandersetzungen zu vermeiden, lässt Bürgermeister Gunter Czisch die Hotspots aber ausschreiben: Infrastruktur und Betrieb. Haut ist erfreut: So sei der Schaden für den Steuerzahler abgewendet.

Standorte Die geplanten Standorte: Marktplatz, Bahnhofsvorplatz, Münsterplatz, Hans- und Sophie-Scholl-Platz. Es soll durchgehendes Surfen im Internet möglich sein. Nutzer müssen sich authentifizieren. Die Nutzung ist gratis, aber zeitlich begrenzt, um große Downloads zu verhindern.

SWP

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