Ulm Das Ulmer One-Hit-Wonder

Ulm / MICHAEL WATZKA 18.02.2014
"Was frag ich viel nach Geld und Gut": Es war ein echter Hit, den der Ulmer Johann Martin Miller 1775 gedichtet hatte. Mozart vertonte ihn. Und wie jetzt bekannt wurde, hatte ihn auch Beethoven auf der Agenda.

Nur zwölf kurze Takte umfasst sie, die kleine Melodie, die Beethoven 1815 in sein Skizzenbuch über die Eingangsverse der "Zufriedenheit" notiert hat - eines Gedichts aus der Feder des Ulmers Johann Martin Miller. Die in der Miller-Forschung bislang unbekannte Skizze ist nicht die einzige Vertonung der damals deutschlandweit bekannten Verse. Und: Sie weist erstaunliche Ähnlichkeit mit einer weitaus prominenteren Vertonung auf.

Der 1750 in Jungingen bei Ulm geborene Miller war seinerzeit auch wegen seines empfindsamen Romans "Siegwart. Eine Klostergeschichte" berühmt, den er ein Jahr nach der "Zufriedenheit" veröffentlichte und der in der Publikumsgunst fast an Goethes "Werther" heranreichte. Was den Roman und das Gedicht verbindet: Es waren Hits in ihrem jeweiligen Genre, denen der Verfasser nichts Vergleichbares mehr folgen ließ. Er war im wahrsten Sinne ein Ulmer "One-Hit-Wonder", wie man heute sagt. Dennoch war das lyrische Werk beachtlich, mit dem die kurze Schriftsteller-Karriere des späteren Münsterpredigers begann.

"Die Zufriedenheit", erzählt von der Genügsamkeit desjenigen, der mit sich und der Welt eins ist. Sie wurde mehrfach vertont. Die bekannteste Fassung besorgte kein Geringerer als Wolfgang Amadeus Mozart, der wohl 1780 während eines München-Aufenthalts auf den Text gestoßen war. Die kleine Komposition für Singstimme und Klavier oder wahlweise Mandoline (KV 349/367a) hält sich streng an die Vorlage. Jede der sechs Strophen wird zur selben Melodie gesungen. Tänzerisch-beschwingt mutet das heitere Lied im Dreiertakt an - und trifft damit genau den Ton der schlichten Rhetorik des Textes.

Miller selbst hat die Vertonung wohl nicht gekannt. Er war 1772 Mitbegründer des legendären Göttinger Hainbundes, eines Kreises, der sich den Idealen einer empfindsamen Literatur verschrieben hatte.

Nachdem er jedoch in seine Ulmer Heimat zurückgekehrt war, konnte er nicht wieder an den leichten Ton der Göttinger Jahre anknüpfen. Nach dem Wechsel zur Prosa und dem gewaltigen Erfolg seines "Siegwart" verliefen sich Millers literarische Ambitionen allmählich in der künstlerischen Isolation, als die er das "Nest" Ulm wohl zeitlebens empfunden haben mochte.

Entscheidend waren also die Göttinger Studienjahre. Die jungen Dichter schrieben ihre Texte in ein "Bundesbuch" nieder, eine Art Poesiealbum, von dem jeder ein Exemplar besaß. So traten sie in den Austausch literarischer Ideen und Motive. Das war die Grundidee des ambitionierten Hainbundes. Miller zählte zu dessen produktiveren Mitgliedern. Die Naturlyrik, die er und seine teils mehr, teils weniger talentierten Bundesbrüder bewusst einfach gestalteten, handelte von Schäferinnen und Verliebten, einsamen Tälern und Abendmonden - und herzzerreißender Freundschaft.

So auch Millers "rührende" Klage "An meine Freunde in Göttingen", die er an die dort Zurückgelassenen richtete. Nach vier erlebnisreichen Jahren hatte er auf seiner langen Rückreise nach Ulm Station in Leipzig gemacht. Dort, am "öden Pleißestrand", traf er auf den "biedern" Komponisten Christian Gottlob Neefe, den Lehrer Beethovens in Bonn. Der Kontakt zu ihm hielt über die Reise hinaus. So erschien 1776 im Göttinger Musenalmanach neben der "Zufriedenheit" auch deren erste Vertonung durch Neefe, die von der Leichtigkeit Mozarts jedoch weit entfernt ist. Die Melodie kommt im geraden Vierertakt daher und erinnert in ihrem choralartigen Ton nicht nur an ein Kirchenlied, sondern ist als solches noch heute gelegentlich zu hören - wenn auch mitunter zu anderen Texten.

Im Musenalmanach, dem Organ der Bundesbrüder, erschien einmal im Jahr eine Auswahl der Texte, als Jahresgabe an Freunde und Förderer. Dabei nahmen diese auch aufeinander Bezug, die Millersche Zufriedenheit etwa erinnert in Rhythmus und Wortwahl stark an ein Gedicht des Bundesbruders Matthias Claudius.

In der Reihe der Vertonungen nimmt die Neefesche wohl den Platz hinter Mozarts und der kürzlich entdeckten Version Beethovens ein. Als jener den Text 1815 aufgriff, war Miller bereits über ein Jahr tot. Möglicherweise hatte Beethoven die Verse über seinen Lehrer Neefe kennengelernt; möglicherweise auch durch den Dichter August Wilhelm Iffland, der sie in eines seiner Dramen aufnahm.

Der Charakter von Beethovens Vertonung, sofern sich das aus der Skizze erahnen lässt, ist ähnlich heiter wie bei Mozart, mit sprunghafter Melodie und wiederum dem tänzerischen Dreiertakt. Die Melodie der ersten Verse hatte Beethoven wohl auch für alle weiteren Strophen angedacht. Die Vertonung Neefes sowie eine weitere des Memminger Komponisten Christoph Rheineck sind zwar weniger prominent als die Mozarts. Doch sind sie aufschlussreicher, wenn es darum geht, die Bedeutung Millers im literarischen Feld seiner Zeit zu ermessen. Davon zeugen auch Millers eigene Vermerke in der Gesamtausgabe seiner Gedichte von 1783, wo er alle ihm bekannten Vertonungen notiert: Die Mozartsche fehlt.

Der Autodidakt Rheineck zählte nach Millers Rückkehr in seine Heimatstadt Ulm zu dessen Freundeskreis. Im Vergleich zu Mozart und Beethoven ist Rheinecks Vertonung jedoch weit weniger raffiniert. Und darin liegt wohl auch das Geheimnis der beiden Großen Mozart und Beethoven: Sie übersetzten die scheinbare Einfachheit der Miller"schen Textvorlage raffiniert in die Sprache der Musik.

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