Theater Das Ulmer Kasperle ist jetzt in einem japanischen Lehrbuch

Ulm/Tokyo / Magdi Aboul-Kheir 17.01.2017

Das Ulmer Kasperle hat schon einen Schatz in der Räuberhöhle gefunden und Besuch aus dem Weltall bekommen. Es war in der Oper, hat das Verkehrs-Zebra getroffen und den Osterhasen sowieso. Aber jetzt hat es der Liebling vieler Kinder sogar nach Japan geschafft. Und nicht nur das Kasperle, sondern auch seine Freunde und Ensemble-Kollegen: natürlich der Seppel, Großmutter und Gretel, König und Prinzessin, sogar die Hexe Rünkelrübe und der Räuber Schielauge. Sie alle schmücken das Lehrbuch „Wir kommen aus Deutschland“ des Ikubundo Verlags, das an japanischen Universitäten von April an für den Deutschunterricht verwendet werden kann.

In der Büchsengasse 3 war die Freude jetzt groß, als ein Päckchen aus Tokyo  in der Post war – mit dem druckfrischen Belegexemplar des Lehrbuchs, einem äußerst freundlichen Anschreiben und einem herzlichen Dankeschön der Autoren Rita Briel und Soichiro Itoda nach Ulm: „Arigatou gozaimasu“.

Die Herausgeber des Lehrbuchs hatten die Idee, japanischen Studenten die deutsche Sprache mittels bekannter deutscher Figuren näherzubringen. Also mit Lurchi und Käpt’n Blaubär, Meckie und Bibi Blocksberg – und eben auch mit einem Kasperle. „Die Autorin Rita Briel hat nach Kasperletheatern gegoogelt und glücklicherweise uns gleich gefunden“, erzählt Heike Gruber, die mit Sabine Dröll 2001 das 1. Ulmer Kasperletheater gegründet hat und seitdem bespielt. „Frau Briel fand es bestürzend, dass es nur noch so wenige Kasperletheater gibt.“

Die in Japan lebende Deutsche schrieb eine Mail nach Ulm, mit der Bitte um Fotos und Infos. „Das hab ich kurzerhand gemacht“, sagt Gruber. Ganz unbürokratisch und ohne Honorar. Die einzige Bitte der Ulmerinnen: ein Belegexemplar.

Heike Gruber findet es „ganz toll, neben der Augsburger Puppenkiste zu stehen und in einem Atemzug mit den Mainzelmännchen genannt zu werden“. Tatsächlich zieren die Mainzelmännchen den Einband von „Wir kommen aus Deutschland“. Das Lehrbuch ist in zwölf Kapitel unterteilt, und die dritte Lektion heißt „Der Kasper“.

In Japan genießt das Land der Dichter und Denker traditionell einen guten Ruf. An den philologischen Fakultäten der Universitäten wird die Auseinandersetzung mit der deutschen Kultur, insbesondere der klassischen Literatur und Musik, gepflegt. Zu Goethe und Schiller, Bach und Beethoven gesellen sich nun also Kasperle und Seppel.

„Vor rund 150 Jahren wird eine Puppenfigur überall in Deutschland bekannt. Es ist der Kasper. Den Kasper kennt bald jeder“, beginnt der erste Lesetext des dritten Kapitels. „Typisch ist die Zipfelmütze. Die Kleidung ist bunt. Außerdem hat  der Kasper manchmal auch einen Stab (. . .) Die Sprache ist oft ziemlich ordinär, aber der Kasper ist lustig.“ Zu den Texten gibt es Verständnisfragen („Wer liebt den Kasper?“, „Ist die Hexe nicht böse?“) und grammatikalische Übungen – illustriert mit Bildern der Ulmer Puppen. In der Vokabelliste finden sich Wörter wie Zipfelmütze, Fingerpuppe und Fee. Wie das die Deutschkenntnisse japanischer Studenten bereichert, bleibt abzuwarten.

Eigentlich müssten Sabine Dröll und Heike Gruber jetzt den kulturellen Austausch fortsetzen und ein neues Stück in ihr Repertoire aufnehmen: „Kasperle lernt Japanisch“.

Seit 15 Jahren wird gespielt

Bühne Das 1. Ulmer Kasperletheater wurde am 1. Dezember 2001 von den professionellen Schauspielerinnen und Regisseurinnen Sabine Dröll und Heike Gruber gegründet. Im vergangenen Oktober wurde der 15. Geburtstag der Bühne mit einem Festival, den Baden-Württembergischen Figurenspielen 2016, gefeiert. Das in der Ulmer Innenstadt – Büchsengasse 3 – gelegene Kasperletheater hat rund 60 Plätze und wird von der Stadt und dem Land gefördert. Im Regelfall wird täglich von Mittwoch bis Sonntag jeweils um 15 Uhr gespielt.

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