Ulm Das tiefe Zerwürfnis wegen des Wengenturms

Dekan Matthias Hambücher.
Dekan Matthias Hambücher.
Ulm / HANS-ULI THIERER 08.03.2012
Schwerer Konflikt zwischen dem Vorstand des Fördervereins Wengenturm und Wengenpfarrer Dekan Matthias Hambücher: Der Dekan fühlt sich überrumpelt und kündigte dem Vorstand die Kooperation auf.

"Ich wünsche der Wahl einen guten Verlauf. Alles weitere muss sich zeigen." Mit diesen Worten verabschiedete sich Matthias Hambücher, Pfarrer in der katholischen Innenstadtgemeinde St. Michael zu den Wengen und Dekan im Kirchenbezirk Ehingen/Ulm, am Dienstagabend im Wengensaal schwer verärgert von der Mitgliederversammlung des Fördervereins Wengenturm. Hambücher machte keinerlei Anstalten, das zuvor durch den Fördervereinsvorsitzenden Karl Friedrich Kirchner unterbreitete Friedensangebot ("Wenn wir einen Fehler gemacht haben, tut es mir leid, aber wir Christen müssen doch friedlich miteinander am Ziel arbeiten, den Wengenturm zu verschönern") anzunehmen.

Zuvor hatte Hambücher das öffentliche Vorpreschen des Fördervereins-Vorstands für einen neuen abgespeckten Turmvorschlag des Kölner Stararchitekten Gottfried Böhm einen "groben Vertrauensbruch" und eine "nicht akzeptable Ungeheuerlichkeit" genannt. Mit diesem Vorstand um Kirchner, der von der Mitgliederversammlung bestätigt wurde (siehe Info-Kasten), könne er sich keine Zusammenarbeit mehr vorstellen.

Der Reihe nach: Die Diskussion über eine Verschönerung des 35 Meter hohen, an ein Getreidesilo erinnernden Wengenturmes ist alt. 2009/10 wurde sie konkret. Dann stellte sich aber heraus, dass die Kosten für eine von Böhm entworfene Stahlturmspitze von ursprünglich einmal veranschlagten 1,2 Millionen Euro auf mehr als 1,7 Millionen Euro in die Höhe geschossen waren. Damit schien das Projekt gestorben, das der kürzlich verstorbene Hambücher-Vorgänger Josef Kaupp verfolgt und Baubürgermeister Alexander Wetzig - er verfügt über beste Kontakte zu Böhm, der die gläserne Ulmer Stadtbibliothek gebaut hat - stark forciert hat.

Der Altmeister der deutschen Architektur aber ließ nicht locker, so jedenfalls die Darstellung Kirchners. Demnach hat der mittlerweile 92-jährige Böhm unaufgefordert seinen Vorschlag eines Turmhelmes aus übereinander geschichtetem Stahl von 54 auf 40 Meter reduziert und damit auch die Kosten wieder auf 1,2 Millionen Euro gesenkt. Das hat Kirchner von Wetzig erfahren, im Glauben, wie er sagte, auch Hambücher sei informiert.

Jedenfalls gab Kirchner der SÜDWEST PRESSE bereitwillig Auskunft darüber, so dass wir am Tag der Mitgliederversammlung berichteten. Dieser Artikel wiederum hat Hambücher die Sprache verschlagen. Denn der Dekan hat seinen eigenen Worten zufolge als Bauherr trotz Kontakten zu Wetzig und trotz eines Vertrags mit Böhm nichts vom Alleingang des Architekten gewusst. Hambücher erfuhr es also aus der Zeitung, was für ihn ein Affront erster Güte war - eben besagte Ungeheuerlichkeit. Hambücher machte neuerlich keinen Hehl daraus, dass er es derzeit für wichtiger hält, andere Probleme zu lösen wie die Sanierung der älteren katholischen Kindergärten und Gemeindezentren, als den Wengenturm ansehnlicher zu gestalten. Dagegen sei er aber nicht prinzipiell, "nur in einer anderen Zeitschiene".

Freilich lassen andere Bemerkungen darauf schließen, dass das Verhältnis zwischen Hambücher und Teilen des Fördervereins - namentlich Kirchner - zerrüttet ist. "Der Förderverein muss zu einer Neubewertung meiner Person kommen." Und: "Dinge, die in letzter Zeit passiert sind, sind so gravierend, dass ich mir eine vertrauensvolle Zusammenarbeit nicht vorstellen kann."

Statt der von Kirchner erhofften Diskussion darüber, ob ein deutlich niedrigerer Wengenturm auch noch der erwünschte "Fingerzeig Gottes" mitten in der Kernstadt sein kann, beherrschte also dieser Konflikt den Abend. Wie tief die Gräben gehen, mögen auch Auszüge aus einem Dialog zeigen:

Kirchner: "Ich habe kein Interesse an einem Krieg."

Hambücher: "Ich habe das Recht, als Bauherr als Erster informiert zu werden."

Kirchner: "Wir wollen keinen Krieg, wir sollten uns gemeinsam für die Sache stark machen."

Hambücher: "Ich akzeptiere jedes Mitglied des Fördervereins. Aber mit dem jetzigen Vorstand kann ich nicht sprechen."

Er wird müssen, denn Kirchner und Co. sind weiter im Amt.

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