Das Video, das Ende Februar vom Turm des Ulmer Münsters aus entstanden und seit Sonntag auf Youtube zu sehen ist, beschäftigt Ulm. In sozialen Medien schwanken die Meinungen und Kommentare zwischen ungläubiger Faszination und wütender Aggression gegen die Akteure. Im Video zu sehen: ein Mitglied der Gruppe Grave Yard Kidz, das ungesichert in 143 Metern Höhe auf dem Turm klettert. Und das dieser Zeitung gegenüber jetzt per E-Mail Fragen beantwortete.

Eigentlich wollten die Grave Yard Kidz gemeinsam mit anderen Extremkletterern, so genannten Roofern, mit denen sie im regelmäßigen Austausch stehen, auf den höchsten Kirchturm der Welt klettern. Die hatten jedoch kurzfristig abgesagt, weshalb schlussendlich nur ein Mitglied im Video zu sehen ist. Der Anfang 20-Jährige, der anonym bleiben möchte, kommt aus Gosheim, einer kleinen Gemeinde im Kreis Tuttlingen, und betreibt dieses Hobby seit etwa zwei Jahren.

"Wie das angefangen hat, weiß ich nicht mehr genau. Ich hatte schon immer das Bedürfnis, verrückte Sachen zu machen." Die Lebensgefahr, in die er sich begibt, ist ihm dabei absolut bewusst. Dennoch sei er im eigentlichen Moment ganz ruhig und werde erst im Nachhinein - so zum Beispiel beim Ansehen des Videomaterials - nervös. Auf das "unglaubliche Gefühl von Freiheit, so hoch oben zu sein", will er jedoch nicht verzichten.

Ein Problem sieht er in jugendlichen Nachahmern, die seine Aktionen mit sich bringen. "Leider haben wir die. Deswegen will ich noch einmal darauf hinweisen, dass die Aktionen absolut lebensgefährlich für Amateure und Ungeübte sind und oft mit dem Tod enden!"

 

Die Reaktionen, die er mit seinen Videos und Bildern im Internet auslöst, sind ihm egal, jeder solle sich seine eigene Meinung bilden und diese auch gern kundtun. Nicht nur im Internet, sondern auch in Ulm selbst ist das Video derzeit Stadtgespräch. Und was sagen nun die Ulmer dazu? Dazu haben wir Passanten befragt:

"Wahnsinn", sagt Karl-Heinz Graser. Für die illegale Kletteraktion hat der ältere Herr nur Unverständnis übrig: "Er gefährdet nicht nur sich selber, sondern bringt auch andere in Gefahr, etwa wenn Steine abbröckeln." Als "waschechter Ulmer" habe er so etwas noch nie erlebt, außerdem reiche das über seine Vorstellungskraft: "Da muss man doch schwindelfrei sein, ohne Hilfsmittel geht das doch gar nicht. Die haben doch keine Nerven, die Jungs."

Für einen Fake hielt Sigrid Nolle das Video auf Youtube zuerst, als ihr Sohn es ihr weiterleitete. "Zuerst dachte ich, der ist über die Treppe hoch." Man sehe aber, wie er auf Türmchen rumspaziert und Faxen macht. "Er stand dann außen auf dem Turm wie ein Selbstmörder." Sie habe sich nur gedacht: "Was tun die Leute nicht alles, um bekannt zu werden." Nicht nur sie hofft, dass diese Aktion keine Nachahmer finden wird: Kaum ein Ulmer, der am Mittwochvormittag auf dem Münsterplatz unterwegs war, konnte der Aktion etwas abgewinnen.

"Ich mag zwar die Höhe, aber so verrückt bin ich dann auch wieder nicht", sagt Michael Siegel, der mit seinen Arbeitskollegen im Schatten des Turms sitzt. Er würde aus dem Flugzeug springen, Bungee-Jumping machen, aber nie ohne entsprechende Sicherung. "Andererseits wird man geradezu angespornt, weil doch im Fernsehen oft Sendungen über solche Roofer kommen." Und: "Ich frag' mich, wie er da hochgekommen ist." Konsens unter den Kollegen: Das Gerüst muss weg.

Unter anderen Ulmern ist von Rücksichtslosigkeit die Rede, von Irrsinn und Respektlosigkeit einem Gotteshaus gegenüber. Eine "ziemlich coole Sache" dagegen findet es der 28-jährige Lucian aus Neu-Ulm: "Warum nicht?", fragt auch seine Freundin Ilham. "Wenn es ihnen Spaß macht. Es ist ja schließlich eigenes Risiko." Beide finden es eher spannend, auch von technischer Seite aus betrachtet. Lucian spricht von einer eigenen Kunstform, in der Grenzen überschritten werden.

Diese Grenzüberschreitung sei aber illegal, Hausfriedensbruch, finden Frauke Wichmann und Michael Haugg aus Augsburg. Sie sind zu Besuch in Ulm. Er war gerade oben, aber legal, sagt er, über die Treppe. Sie ist nicht mit. 1992 war sie schon oben, seitdem habe sie Höhenangst. "Es ist ja so schon schlimm genug da rauf, aber über die Außenwand ist es ja noch viel krasser."

Roofing

Extremsport Unter Roofing - oder auch Rooftopping - versteht man eine Extremsportart, die besonders in großen Städten praktiziert wird. Die größte Szene gibt es in Russland. Jugendliche oder junge Erwachsene klettern dabei ohne Sicherung auf möglichst hohe Gebäude und liefern von dort spektakuläre Videoaufnahmen und Bilder, die sie im Internet über Youtube, Instagram und Co. einer möglichst großen Community zur Verfügung stellen.