Ulm/Münsingen Das Ökosystem Wald ist komplex

Ulm/Münsingen / CAROLIN STÜWE 12.06.2012
Im Biosphärengebiet bei Münsingen erforschen deutsche Wissenschaftler im Langzeitversuch die Artenvielfalt aller Lebewesen in Wald und Wiese. Die Uni Ulm steuert es, wer wo welche Messgeräte aufbauen darf.

"Bitte Abstand halten! Vorsicht Lebensgefahr! Absturzgefahr von Kronen-Totholz!", steht auf einem Schild im Wald bei Münsingen. Schaut man nach oben in die Buchenkronen, hängen dort durchsichtige Insektenfallen und gebündelte schwache Stammstücke. Mit diesem Versuchsaufbau untersuchen Biologen, welche Insekten und Mikroorganismen in der Kronenschicht des Waldes abgestorbenes Holz abbauen. "Wir wollten keinen gesunden Baum opfern, deshalb haben wir die Stammstücke hochgehievt", sagt Projektsprecher Prof. Markus Fischer. Er gehört zu den Wissenschaftlern, die überzeugt sind, dass man die Biodiversität (Artenvielfalt) nicht nur im weitgehend unberührten Naturschutzgebiet untersuchen sollte, sondern in genutzten Landschaften wie Wirtschaftswald und Wiese. Und zwar bundesweit und im Langzeitversuch, um verfolgen zu können, was beispielsweise aufgrund des Klimawandels mit den vielen Ökosystemen passiert.

Eines der drei Forschungsareale (siehe Infokasten) liegt im Biosphärengebiet Schwäbische Alb bei Münsingen. Dieses "Exploratorium" umfasst eine Fläche von 665 Quadratkilometern. 100 Untersuchungsstandorte, davon 50 in Wäldern und 50 auf Wiesen, sollen Aufschluss darüber geben, inwieweit sich die Nutzung - oder Nichtnutzung im unberührten Bannwald - auf die Artenvielfalt auswirkt.

Ein Biologe hat beispielsweise zu seinem eigenen Erstaunen festgestellt, dass Waldbäume Luftschadstoffe und damit Stickstoff über die Blätter und nicht nur über die Wurzeln aufnehmen. Dabei schaut der Biologe nach dem Laub, misst aber auch Aerosole, Niederschläge und nimmt Bodenproben.

Dr. Marco Tschapka vom Institut Experimentelle Ökologie der Uni Ulm wird sich auf der Alb noch genauer die wenigen Fledermäuse anschauen. Auf der Schorfheide bei Berlin gebe es viel mehr Arten, weil dort genug Wasserflächen die Insekten anlocken, hat Tschapka bereits Vergleichswerte von dortigen Biologen vorliegen. Diese haben festgestellt, dass Fledermäuse nachts gerne am naturnahen Waldtrauf jagen, weil dieser dank Jungbäumen und Sträuchern abgestuft ist, bevor die offene Flur folgt. Aber das wissen die Zoologen doch längst? Sicher, meint Tschapka, aber die Vielfalt der Infos "gibt uns eine statistische Macht". Einzelzufälle können so ausgeschlossen werden.

Wie komplex das Ökosystem Wald noch sein kann, zeigt sich bei den bisherigen Versuchsergebnissen von Dr. Swen Renner, ebenfalls Ökologe der Uni Ulm. Er hat festgestellt, dass Buchfinken, die von Rivalen aus ihrem Idealrefugium Buchenwald in einen Fichtenwald vertrieben werden, dort weniger Nahrung finden. Werden dann noch die geschwächten Jungvögel im Nest über Stechmücken von Blutparasiten befallen, wachsen die kleinen Vögel schief heran, "ein Bein bleibt kürzer". Wie sich der Fichtenwald bei Buchfinken auf die Flügel auswirkt, ist Renners nächstes Projekt.